MenEater 1/2: Flucht aus der Stadt

meneater_ch1Nachdem Jess ihr Testament für ihre Hinterbliebenen in Kuverts verschlossen und am Wohnzimmertisch bereitgestellt hatte, war es Zeit sich vom Erdboden verschlucken zu lassen.

Es war bereits 11 Uhr und sie hatte noch einen langen Weg vor sich. Lemon folgte ihr auf Schritt und Tritt, er spürte längst dass etwas im Busch war und setzte sich traurig vor die Tür. Zum Abschied strich ihm Jess nochmals über sein glänzendes Fell. Erwartungsvoll schmiegte er sich an ihre Beine und versuchte sie zum Bleiben zu beschwören. „Du wirst mir fehlen kleiner Kerl. Pass gut auf Poppy auf!“, flüsterte sie ihm zu und verschwand mit ihren Taschen hinter der Tür.
War’s das? Hatte sie an alles gedacht? Sie hatte weder Zeit gehabt einen Reiseplan aufzustellen, noch ungefähre Vorstellungen darüber, was sie während den nächsten Wochen anstellen sollte. Ohne Plan fühlte sie sich sofort nervös, das war schon immer so.
Jess atmete tief durch. Nun nur nicht zögern, es gibt kein zurück. Die Planlosigkeit war nicht ihr Freund, doch noch verfeindeter war sie mit anderen Tatsachen und deshalb musste sie weg, das Wie und Wohin, war nebensächlich, wenn auch ihre Fingernägel darunter leiden würden. Gestern hatte sie entschieden wegzufahren, das alles hinter ihr zu lassen und es hatte sich so verdammt gut angefühlt, das war das Wichtigste.

„Hey, wo willst du hin?“, überraschte sie Poppys Stimme aus dem Treppenhaus. Verdammt, nun musste sie Erklärungen machen, die sie eigentlich umgehen wollte. Nun bloß nicht abbringen lassen! „Ich fahre für eine Weile weg, ich brauche unbedingt Abstand, um die vergangenen Tage zu verdauen!“, versuchte sie Poppy zu überzeugen und zum Glück nickte sie verständnisvoll. „Gut, ich leihe mir schnell ein paar Sachen von dir und komme mit!“
Das sah Poppy ähnlich, trotzdem hatte Jess damit nicht gerechnet. Gerne hätte sie ihre allerliebste Freundin mitgenommen. Der Spaßfaktor wäre damit gesichert. Doch dieses Mal wollte sie unbedingt alleine sein und keinesfalls über die vergangenen Tage reden, was in Begleitung ihrer Freundin unmöglich war. Verlegen sah sie zu Boden und bemühte sich rechtzufertigen. „Ich denke dieses Mal muss ich alleine sein. Außerdem musst du dich um Lemon und Klara kümmern!“
„Und was ist mit deiner Arbeit?“ Skeptisch betrachtete Poppy ihre immer nervöser werdende Freundin. „Hast du so kurzfristig frei bekommen, oder machst du einfach blau? Wenn du möchtest kann ich dir die Nummer von Dr. Philip geben, der ist mir noch einiges schuldig!“
„Nein, nicht notwendig“, antwortete Jess und zwang sich zum lächeln. Der arme Dr. Philip. „Das ist alles geregelt, ich habe mir ein paar Wochen Urlaub genommen.“
„Wie hast du das geschafft?“ Noch nie hatte Jess mehr als fünf Tage Urlaub am Stück bekommen. Nicht seit sie diese unsympathische Fratze zum Vorgesetzten hatte.
„Das erzähl ich dir gerne später. Ich bin sicher die Geschichte wird dir gefallen. Aber jetzt muss ich unbedingt los“ Jess sammelte ihre Taschen ein und Poppy begleitete sie hinunter zur Garage, wo Jess alter Ford Sierra parkte.
„Lemon wird dir dankbar sein, wenn du die Tage in meiner Wohnung verbringst. Er steht auf Gesellschaft wie du weißt.“
„Klar“, murmelte Poppy. Es traf sich ganz gut ein paar Tage hier zu bleiben, wo es in ihrer eigenen WG gerade etwas eng wurde. Und dennoch, so viel Spontanität sah Jess überhaupt nicht ähnlich.
„Und wo soll’s hingehen? Fliegst du weg? Ein paar Tage Sonne und Meer würden dir sicher ganz gut tun!“
„Leider nicht. Dafür reicht mein Budget nicht aus. Nach einer Woche würde ich erst wieder hier landen.“ Die Vorstellung machte Jess tatsächlich ein wenig Angst. „Wer weiß, vielleicht kommt Martina noch auf die Idee mich zu besuchen!“
Poppy verdrehte die Augen, die Tussi sollte es nur wagen hier aufzutauchen! Klar, dass Jess die Flucht ergriff.
„Pass auf dich auf und ruf mich ganz oft an!“, befahl sie ihr und griff nach ihrer Hand. „Ich will mir nicht noch mehr Sorgen um dich machen!“
„Nicht nötig. Mir geht es gut.“, versuchte sie Poppy zu versichern. Es war schön zu wissen, dass sich jemand um sie sorgte und noch viel besser, dass es Poppy war.
Gemeinsam stopften sie das Gepäck in den Kofferraum und umarmten sich nochmals fest zum Abschied. Jess versprach ein weiteres Mal sich regelmäßig zu melden und setzte sich hinters Steuer.

Der Klang des Motors, als sie die Garage verlies, gab ihr ein gutes Gefühl.
Ja, es war richtig einfach abzuhauen!

 

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