MenEater 1/3 – In Freiheit

meneater_ch1Wenige Meter aus der Stadt, konnte Jess bereits spüren wie der Stress nachließ. Nun hatte sie die Straße vor sich, zwar noch immer kein Ziel, dafür aber jede Menge Zeit.
Hatte sie an alles gedacht und das Wichtigste eingepackt? Selten legte sie so wenig Wert auf ihre Ausstattung. Doch dieses Mal war alles anders. Denn viel wichtiger als die richtigen BHs einzupacken, war das Packen an sich. Und schon wieder kamen die Erinnerungen an die Ereignisse der vergangenen Tage zum Vorschein. Jess schüttelte sie ab.

Im Rückspiegel überprüfte sie kurz ihr Erscheinungsbild und schob die losen Strähnen zurück unter die Baseballkappe. Zum Glück konnte ihre Mutter den Zustand ihrer Haare nicht sehen.

Das war alles so lächerlich. Wenn sie selbst nicht Epizentrum dieser vielen Katastrophen wäre, würde sie sich darüber herzlich amüsieren können.

Ihr Handy sang und vibrierte aus der Tasche am Beifahrersitz und unterbrach Jess im geistigen Morden. Schnell durchwühlte sie einhändig den Inhalt und drehte das nervige Ding, ohne Blick auf das Display, ab. Die Anrufe raubten ihr noch den letzten Nerv!

Gut, zurück zum Klamottencheck. Sie hatte auf jeden Fall ein paar Unterhosen eingepackt, daran konnte sie sich erinnern und auch an T-Shirts und Jeans. Der Rest wurde doch sowieso überbewertet, oder? Obwohl ein paar schicke Klamotten sicher keine schlechte Idee war. Und Badesachen, im Mai kann man doch schon vom Sommer reden, nicht wahr? Wann hatte sie sich zum letzten Mal die Beine rasiert? Ach ja, am Samstag, für die Hochzeit, … Verdammte Hochzeit, sie musste unbedingt mehr Distanz zwischen ihr und diese blöde Hochzeit bringen. 48 Stunden und vielleicht 50 Kilometer waren zu wenig. Viel zu wenig. Rasch schüttelte sie abermals ihre Gedanken durcheinander und trat aufs Gas.

Das Wetter sah ganz danach aus, als könnte es tatsächlich endlich Sommer werden und es wäre schade, nicht jeden Moment davon zu nutzen. Vier Wochen Urlaub! Vier Wochen Freiheit! Sie konnte es noch immer nicht glauben. Schnell etablierte sich in ihrem Kopf die Vorstellung den ganzen Tag im Bikini an der Sonne zu verbringen. Hey, vielleicht war es an der Zeit, endlich ein bisschen „Oben ohne“ auszuprobieren. Sie war alleine unterwegs und konnte tun und lassen was sie wollte. Warum dann nicht endlich das tun, was für andere auch kein Problem war? Ein bisschen Ego bräunen, mit barbusigem Accessoires konnte nicht schaden.

Ein prüfender Blick auf die Tankanzeige verkündete, dass der Zeiger längst im letzten Viertel angekommen war. Zeit aufzufüllen. Zu groß war ihre Panik davor, nachts mit leerem Tank, irgendwo im nirgendwo stehen zu bleiben. Nicht schon wieder …

Viel zu fest hatte sich die Erinnerung an das letzte Mal in ihrem Kopf verankert. Obwohl sie damals nicht alleine war, zumindest nicht physisch, zählte es zu den schlimmsten Erlebnissen ihres Lebens. Die vergangenen Tage sorgten zwar für eine Neureihung, dennoch war alles was mit Albtraum Ex-Freund Julian im Zusammenhang stand, klar unter den Top 5 platziert. Was zum Teufel hatte sie damals nur dabei geritten, sich mit diesem Typen abzugeben? Wo war ihr sonst so gesunder Hausverstand abgeblieben? Konnten die ein, zwei Joints die sie mit ihm graucht hatte, einem so dermaßen das Hirn verdampfen?

Im Vergleich dazu war es einfacher zu akzeptieren, warum sie sich von Serien wie Men in Trees und Sex and the City verabschieden musste, als die Tatsache zu verstehen, was verdammt noch einmal in ihr vorgegangen war (oder eben nicht), auch nur eine Sekunde mit Julian zu verbringen.

Und dabei wollte sie sich sogar nach wenigen Wochen von ihm trennen, als er sie dazu überredete, das Wochenende gemeinsam im Ferienhaus seiner Eltern zu verbringen. Sie hatte den Job im Backoffice der BSR Bank gerade erst begonnen und ihre Kollegen Erma und Robert zeigten sich bereits von ihrer unangenehmsten Seite. Ein Wochenende am Land konnte deshalb nicht schaden und sie hatte ihm damit eine unverdiente letzte Chance gegeben, vorwiegend aus eigennützigen Gründen. Albtraum Julian selbst, hat wahrscheinlich bis heute keinen Job. Das Geld, das ihm seine Mutter großzügig zusteckte, gab er ausschließlich für jamaikanische Spezialkräuter aus, was Jess leider erst an diesem Wochenende klar wurde. Gegen ein bisschen Gras war auch gar nichts zu sagen, doch Julians Junkie-Karriere überforderte ihre Akzeptanz zu sehr.
Viel zu spät, um den Tag am Land noch genießen zu können, holte er sie damals ab. Vermutlich noch am Grasmarkt zu tun gehabt, machten sie sich deshalb erst am späten Nachmittag auf den Weg zum Ferienhäuschen.

Es war bereits dunkel, als nur wenige Kilometer vom Ziel entfernt, auf einer schmalen, unsympathischen Waldstraße der Wagen mit staubtrockenem Tank liegen blieb, obwohl die Kontrollleuchte wahrscheinlich ewig um Aufmerksamkeit gebettelt hatte. Als Jess die Rechnung des Pannendienstes und der heranzubringenden Tankfüllung zahlte, während Julian seine ersten Atemübungen am prallen Glimmstängel durchführte, wurde ihr langsam bewusst, dass die zweisame Romantik nicht zwischen Julian und ihr stattfinden würde.

Das Haus selbst, war ein gar nicht so kleines Schmuckstück und viel zu wunderbar, um jemanden wie Julian zu beherbergen. Aus Holz, im skandinavischen Stil, rot bemalt, mit weißen Fenstern und einer Veranda die rund um das Haus führte, war es häusliche Liebe auf den ersten Blick. Der angrenzende See, ein bisschen Wald und sonst absolute Stille, machten die neue Liebschaft perfekt.

Nach der kostspieligen Anfahrt hatte Julian weiterhin nichts Besseres im Sinn, als sich im Haus zu verschanzen und sich noch ein wenig einzunebeln. Jess hatte deshalb die milde Nacht auf der Terrasse in einer Hollywoodschaukel verbracht. Ein weiteres Kunstwerk aus dunklem, edlem Holz. Mit Blick auf den See gerichtet, schaukelte sie vor sich hin und fühlte sich trotz der Umstände richtig wohl. Sie konnte sich noch gut an den Sonnenuntergang erinnern, der den See rot beleuchtete. Später hatte ihr das ein oder andere Glas Rotwein, aus dem gut sortierten Vorrat von Julians Eltern, angenehme Gesellschaft geleistet.

Quelle: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/22294241

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Am Tag danach, war sie im See geschwommen und hatte die Ruhe noch ein wenig genossen, im sicheren Bewusstsein, dass das Haltbarkeitsdatum ihres Beziehungsdings mit Julian längst abgelaufen war und bereits zu stinken begann. Als sie zum Haus zurückgekehrt war, war er wach und trug zu ihrem Ärger eines ihrer T-Shirts. Den nächsten Stängel bereits im Mundwinkel, hatte er wohl schon vergessen, dass sie auch noch da war. Nicht viel später packte Jess ihre Sachen, nahm sein Auto, verließ ihre neue Liebe und sah Julian nie wieder.

Vor ihr sichtete Jess gerade das gesuchte Shoppingcenter und fuhr von der Autobahn ab. Zeit ihr Gepäck zu ergänzen und nachzutanken. Im Kofferraum musste außerdem noch Platz für einen zusätzlichen Treibstoffkanister bleiben.

 

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