MenEater 1/5 – Vollgetankt

meneater_ch1Neues Handy, neue Klamotten, voller Tank, die Fahrt konnte weitergehen.

Für einen kurzen Moment erlaubte sie ihrem alten Handy nochmals zum Leben erweckt zu werden. Nur um zu sehen, wer oder was die vergangenen Stunden lästig gewesen war. Wow, gar nicht so schlimm, witzelte sie. Vierzehn Anrufe von Poppy, alle noch vor ihrer Abreise, Drei aktuelle von ihrer Mutter und weitere vier von ihrem Vater. Exakt Dreißig von Martin und weitere Zwanzig mit unbekanntem Teilnehmer, wobei Jess auch diese gut zuordnen konnte. Zwölf Nachrichten auf ihrer Mobilbox und während sie rasch noch Poppys Nummer auswendig lernte,  trudelten noch weitere SMS ein. Bye bye, flüsterte Jess ihrem alten Mobiltelefon zu und platzierte es zielgereicht unter dem Vorderreifen ihres Sierras.

Die Fenster heruntergekurbelt, drehte sie am Zündschloss, als sie ihren alt bekannten Klingelton erkannte. Schade dass sie das She & Him-Lied nun unterbrechen musste. Ohne weiter zu zögern, startete sie durch. Ein befriedigendes Knacken war zu hören, mehr aber aucn nicht. Zoey Deschanel trällerte fröhlich unter ihrem Auto weiter. In the Sun war auch wirklich ein schönes Lied, vielleicht sollte sie allein aus Respekt vor ihrer Lieblingssängerin, nicht vor dem Anrufer, es weiterlaufen lassen.

Einen Moment später setzte sie erneut an und überrollte das Handy erneut. Volltreffer! Zeitpunkt des Todes: 15:13. Die Packung Gummibärchen die sie vorhin verdrückt hatte, schien nun auch ihren Beitrag geleistet zu haben.

Friedenssicher konnte sie nun weiter fahren. Und trotz der Nähe zu Malnis, dem Ort ihrer Kindheit, wo sie und Poppy aufgewachsen waren und ihre Mutter noch heute residierte, führte ihr Weg in einem kleinen Autobahnbogen sicher daran vorbei.

Eigentlich hatte Jess vorwiegend gute Erinnerungen an ihre Kindheit. Die meiste Zeit verbrachte sie allerdings bei Poppy. Schon damals waren sie beste Freundinnen gewesen. Poppy hatte vier weitere Geschwister, worum Jess sie noch heute beneidete. Im Hause Beradetta war immer eine Menge los. Andauernd hatte einer von Poppy’s drei Brüdern etwas angestellt, oder ihre jüngere Schwester Marla schrie wie am Spieß um sich gegen Tom, Clem oder Dominik zur Wehr zu setzen. Trotz der schwer zu bändigen Kinder war die Familie ihrer Freundin eine der liebenswürdigsten die sie kannte. Noch heute hatte sie besonders zu Poppys Mutter einen engen Kontakt, der vor allem auf Freiwilligkeit beruhte. Ganz anders die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter.

Schon immer hatte sie den Eindruck, dass ihre Mutter mit ihr überfordert war und das obwohl sie im Vergleich zu den Beradetta-Sprösslingen ein relativ ruhiges Kind gewesen war und kaum Schwierigkeiten gemacht hatte. Im Hause Sanders hatte jedenfalls immer angespannte Stimmung geherrscht. Vorwiegend aufgrund der nervösen Angestellten ihrer Mutter, die es ihrer Chefin nie recht machen konnten. Emily Gilmore war nur ein Abklatsch davon. Ihre eigene Mutter war die Kaiserin des Anspruches, nichts konnte ihr recht gemacht werden und nichts viel ihr leichter als Menschen mit ihren Vorstellungen und Anweisungen um den Verstand zu bringen. Kaum jemand schaffte es je, sie zufrieden zu stellen, weder sie noch ihr Vater und schon gar nicht die Köchin, der Gärtner oder die Putzfrau. Und kaum woanders wurde so viel geputzt, geschrubbt, gekocht und gegessen wie im Hause ihrer Mutter. Denn immer wieder gab es Anlass für ausgedehnte Partys, bei denen Eleonora gerne an die 80 Leute einlud, für die selbstverständlich alles zum Glänzen gebracht werden musste.

Als sie noch klein war, gründete ihr Vater sein eigenes Bauunternehmen. Um seine Bekanntheit zu Beginn zu fördern und Kontakte zu knüpfen hatte Eleonora die weise Idee, Partys unter dem Vorwand des „Networkings“ zu veranstalten und hatte damit gleichzeitig ihre Lebensaufgabe geboren.

Ihr Vater Rudolph, der mit der Zeit durchwegs erfolgreich sein Unternehmen führte, war weniger der eifrige Gastgeber, den sich seine Frau gewünscht hätte und blieb irgendwann, zumeist aufgrund seiner guten Aufträge, den Partys fern. Für Jess keine Überraschung war, als die beiden sich trennten. Sie selbst wohnte bereits in Biens, wo sie zu Beginn eigentlich studieren wollte. Irgendwie hatte sie die Trennung schon immer kommen sehen, wenn auch nicht bewusst. Sie konnte sich kaum vorstellen, was das neue Arrangement zwischen ihren Eltern ändern sollte, sie waren auch vor der Scheidung nicht unbedingt Susi und Strolch gewesen und lebten schon immer in ihrer eigenen Welt.

Ihr Vater war mit seinem Unternehmen verheiratet, ihre Mutter mit ihren Hauspartys. Eleonora zog es nie auch nur in Betracht selbst arbeiten zu gehen. Als Jess etwa zwölf war, erbte ihre Mutter ein angenehm großes Vermögen von ihren Großeltern. Damit konnte sie selbst nach der Scheidung ihren gewohnten Lebensstil weiterführen, bzw. um einen persönlichen Lebensberater erweitern.

Rudolph, mitten in der Midlife-Crisis, leistete sich hingegen einige Kurzstreckenbegleiterinnen, die Jess allesamt kennen lernen durfte. Die Scheidung selbst, hatte Jess Welt kaum zerrüttet, dafür fehlte ihr einfach die innige Beziehung zu den beiden. Aber jedes Mal die neue Freundin ihres Vaters kennen zu lernen, die zumeist kaum älter war als sie selbst, das hätte sie sich gerne erspart. Ihre Mutter blieb die meiste Zeit alleine, sofern man das in einem Partyhaus sagen konnte. Sie hatte zwar etwa zwei Jahre eine Beziehung zu einem Mann namens Andro, doch Jess bekam ihm kaum zu Gesicht, noch wurde er besonders oft erwähnt.

Doch wie es nun erfuhr, war die Geschichte ihrer Eltern noch nicht zu Ende. Zuerst hatte sie die beiden auf dieser Horrorhochzeit miteinander gesehen, sich aber noch nichts weiter dabei gedacht und dann stattete Rudolf ihr gestern, im Anschluss noch einen Besuch ab um sie von den Neuigkeiten in Kenntiss zu setzen, hatte er gesagt. Er und Elli, – so hatte er Jess Mutter noch nie genannt – wollten wieder einen Versuch starten. Der Sex sei so unglaublich und endlich konnten sie über alles miteinander reden, so als wären sie endlich erwachsen geworden. Beim Zuhören wurde ihr bereits speiübel. Doch er hörte nicht auf, weiter zu schwärmen. „Noch nie in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, wie in den letzten Tagen!“ Jess wollte nichts davon wissen, doch Rudi war erst am Anfang. „Ich wusste gar nicht wie agil deine Mutter sein kann! Ich sage dir“, schwärmte er weiter und Jess konnte in seinem Blick erkennen wo er gerade mit seinen Gedanken war und zugleich setzte er einen verschwörerischen Ton an, „was sie da mit ihren … na du weißt schon … anstellen kann. Einfach unglaublich!“

Noch nie, nicht einmal von Vortagssushi, war Jess so übel gewesen. Kurz danach hatte sie sich übergeben. Ihr Vater, sich keiner Schuld bewusst, schwebte ihr auf Wolke 7 bis auf die Toilette nach, um ihr nochmals die die Details zu erläutern. Jess war bemüht nicht weiter zuzuhören, während sie alles freigab was innerlich nicht festgemacht war.
„Kann das sein das du etwas erwartest?“ hörte sie ihren Vater fragen, währen er ihr fürsorglich eine Tasse Tee auf den Boden stellte, auf dem sie noch eine Weile kauerte. Bis in die Zehenspitzen leer gekotzt kroch sie irgendwann ins Bett, als ihr Vater sich trällernd verabschiedet hatte.

Soeben fuhr sie am Ausfahrtsschild Malnis vorbei. Nichts und niemand, könnte sie zum Abbiegen überreden. Zur Ablenkung warf sie einen Blick auf die Straßenkarte, die sie über das Lenkrad aufgeschlagen hatte. Was war nun ihr Ziel? Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal hier unterwegs gewesen war. Oder vielleicht doch? Damals mit Julian waren sie auch hier entlang gefahren und irgendwann abgebogen. Wo auch immer das gewesen war, sie konnte sich nicht mehr erinnern. Obwohl, dort in dem kleinen Haus am See könnte sie es die nächsten Tage durchaus aushalten, ohne Julian selbstverständlich.

 

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