MenEater 1/6 – Pinkelpanik

meneater_ch1Lange Autofahrten waren Jess unlieb, das war in etwa die Erkenntnis nach 4 weiteren Stunden hinter dem Steuer. Es war bereits dunkel geworden und sie hielt bereits Ausschau nach einem geeigneten Hotel, doch seit sie vor etwa 20 Minuten die Autobahn, aufgrund des halben Liter Cappuccinos verlassen hatte, war ihr noch Nichts untergekommen. Deswegen hatte sie sich dazu durchgerungen am Straßenrand ihr Geschäft zu verrichten. Hoffentlich unbemerkt. In freier Natur zu pinkeln, erforderte für sie schon immer eine ziemliche Überwindung.

Das Problem dabei war, dass es immer etwas Restflüssigkeit gab, die auf Schuhe oder noch schlimmer Ober- und Unterschenkel tropfte während sie panisch im Zehntelsekundentakt kontrollierte ob auch ganz sicher niemand in der Nähe war.

Diesmal ging alles halbwegs glatt, obwohl ihr Anti-Exhibitionismus sie daran hinderte, die gesamte Blase zu entleeren. Der Rest hoffte auf mehr Komfort. Wenn sie nicht bald eine Unterkunft fand, musste sie sich wieder der Natur hingeben. Mit dem Unterschied, dass es dann so richtig dunkel war und sie vielleicht nicht bemerkte, wenn da etwas an ihr hoch krabbelte, während sie sich in einer hilflosen Position einsaute.

Eine intensive Körperwäsche war das nächste auf ihrer Wunschliste und eigentlich schon dringend ratsam. Nachdem ihr Vater gestern ging und sie endlich die Toilette verlassen konnte, hatte sie nur kurz geduscht, zum Haare waschen bzw. um die notwendige Haarkur aufzutragen hatte sie keine Energie mehr gehabt. Ihre wilde, zerzauste Mähne war zwar mittlerweile von der pinken Baseballkappe gezähmt, ansehnlich war das allerdings keinesfalls mehr.

Flüchtig warf sie nochmals einen Blick in den Rückspiegel. Trotz des schlechten Lichts sahen ihre Augen erschöpft aus, aber das taten sie eigentlich schon seit Tagen. Jedenfalls war es Zeit für eine Pause. Laut Karte sollte hier entlang ein Ort namens Erdstal liegen. Dort fand sie vielleicht ein schickes Hotel, wo sie nach einem ausgedehnten Schönheitsschlaf spätestens Morgen den Beauty Salon okkupieren konnte.

Nicht weit vor ihr, konnte sie nun auch schon die Umrisse des Ortes und etwas Straßenbeleuchtung erkennen.
Langsam fuhr sie die Straße entlang, um nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. Es war nun völlig Dunkel und die Straßenlaternen leuchteten nur spärlich. Auch das Dörfchen wirkte weniger verschlafen als eher ausgestorben, weit und breit kein Hotel oder ähnliches zu erkennen. Ein beleuchtetes Schild vor ihr ließ zumindest auf ein Lokal deuten.

Einen Moment später war sie auch schon daran vorbei gefahren. Anhalten zahlte sich hier absolut nicht aus. Durch das große Fenster zur Straße hin, hatte sie ein paar Männer gesehen, die an der Bar gelehnt, an ihrem Bier nuckelten. Nicht gerade einladend. Wenige Meter danach, war der entzückende Ort auch schon zu Ende. Was nun? Umkehren und die alten Säcke nach einer Schlafmöglichkeit fragen? Etwas Schlimmeres konnte sie sich wohl nicht antun, obwohl Poppy nicht zögern würde.

Doch Jess fehlte dazu eindeutig die nötige Energie. Dank ihrer Körpergröße viel sie ihrer Meinung nach, viel zu schnell auf. Mit ihren knapp 1,80 Meter fühlte sie sich immer ein wenig zu groß geraten und Jess blieb viel lieber im Hintergrund, was mit ihrer Größe leider nur selten klappte.

Der Rest ihrer Erscheinung, ihre sportliche Figur, für die sie eigentlich nicht viel tun musste, außer hin und wieder auf die zweite Portion Eis mit Schokosauce zu verzichten, war ein Geschenk des Universums. Das wusste sie genau. Trotzdem konnte sie ihr Aussehen nicht richtig einsetzen und versteckte sich viel lieber hinter ihren vielen Haaren. Poppy schimpfte immer wieder mit ihr, sich endlich mehr Selbstbewusstsein anzueignen, doch das war leichter gesagt als getan.

Wäre Poppy hier, hätte sie mit einem Wimpernschlag Zimmer, Massage und 24h-Pagenservice organisiert. Kostenlos natürlich. Jess konnte darüber nur staunen.

Sollte sie jemals, womöglich in gar nicht so weiter Ferne, einen Therapeuten benötigen, würde auch der rasch zu dem Schluss kommen, dass ihre liebe Frau Mama an allem Schuld war. Als Kind wurde sie ständig von ihrer Mutter im Aussehen und Verhalten korrigiert und noch dazu von Eleonoras gleichwegs neureichen Spießerfreundinnen begutachtet, was ihrem Selbstwertgefühl besonders gut tat. „Schultern zurück – Brust raus – Jessica! Und lass dir endlich etwas gegen die Pickel verschreiben!“ die Worte klangen noch heute laut in ihren Ohren.

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Jess&PoppyDie Entstehung einer wahren Freundschaft.

Wenn du weißt, welcher Dringlichkeit Jess gar nicht gerne am Straßenrand nachkommt, kannst du das Wort als Passwort hier eingeben und weiterlesen. Ich verrate es euch natürlich gerne, per Kommentar oder Email.

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Die pubertären Unreinheiten waren bereits seit langem Vergangenheit, lediglich die Schokolade- und Alkoholexzesse machten sich hin und wieder auf ihrem Hautbild bemerkbar. Durch Joga und Pilates besaß sie ein gutes Körpergefühlt und dank ihres Friseurs und seinen Wunderprodukten, hatte sie auch den Dreh mit ihren Haaren heraus.

Dennoch fand ihre Mutter jedes Mal etwas auszusetzen. Und obwohl es vielen ihrer Freundinnen so ging, wusste Jess ganz genau, dass es auch anders ging. Poppys Mutter zum Beispiel. Bei ihr fand man immer Anerkennung und Aufmunterung. Vor allem dann, wenn man geküsst wurde und daraufhin vor den Augen des Angebeteten vom Fahrrad fiel, sich dabei die Nase an der Lenkstange aufschlug und sich den neuen Rock zerriss.

Es dauerte also noch einige Minuten bis sie ihre Beine hochlegen konnte. Laut ihrer Straßenkarte war es wieder ein ordentliches Stück bis zum nächsten, hoffentlich geselligeren, Ort. Noch dazu wurde die Straße eindeutig schmäler und steiler und bei Gegenverkehr womöglich ziemlich eng. Doch eigentlich, war ihr schon seit einiger Zeit, niemand mehr entgegen gekommen. Ein gutes Zeichen?

Die Straße verlief weiterhin bergauf, die Bäume an den Seiten wurden dichter und irgendwann war nichts als Wald zu sehen. Im Rückspiegel sah sie immer wieder etwas über die Straße hüpfen. Ein Unfall und ein totes Reh, fehlten ihr gerade noch. Zur Sicherheit schaltete sie einen Gang zurück und fuhr im Schneckentempo weiter. Nach einer gefühlten Stunde, die sie zuerst bergauf und dann wieder bergab fuhr wurde sie langsam etwas unruhig. Was, wenn sie sich verfahren hatte? Was, wenn der Tank leer wurde und sie stehen blieb. Sie hatte vergessen, dass sie gruselige Dunkelheit nicht mochte.

„Reiß dich zusammen Jess!“, sagte sie laut zu sich selbst und gab sich einen Klaps auf die Wange. Der Tank war außerdem noch zu gut zwei Drittel voll. Sie konzentrierte sich auf die Straße und erlaubte sich den dritten Gang um etwas rascher vorwärts zu kommen. Kurz darauf, hatte sie den Wald überstanden. Die Straße ging nun aber in Serpentinen bergab und erforderte mehr Feingefühl beim Anfahren der schmalen Kurven. Schließlich war auch das Teil überstanden, wenn auch das Capy und ihr Kopf darunter vor Anstrengung glühten. Hoffentlich hatte sie es bald geschafft.

Um kurz zu verschnaufen und um einen Blick auf die Karte zu werfen, hielt sie an. Mit dem Zeigefinger suchte sie über das Papier. Das Oberlicht ließ die Beschriftung nur schwer erkennen. Schließlich hatte sie sich wieder auf der Karte gefunden. Wie es aussah, hatte sie erst etwa die Hälfte des Weges zwischen den zwei Ortschaften hinter sich gebracht hatte. Sie stand soeben auf der Brücke, die auch in der Karte eingezeichnet war. Jess stieg aus und streckte ihre müden Glieder durch. Obwohl sie sich auf der Karte orientieren konnte, fühlte sie sich unwohl und erschöpft, vielleicht auch etwas einsam.

Nun hörte sie auch das Wasserrauschen unter der Brücke. Ansonsten war außer völliger Dunkelheit kaum etwas zu sehen. Als wäre das nicht schlimm genug, bildete sich nun auch etwas Nebel auf der Straße. Als zwischen ihren Beinen etwas hindurch huschte, was entweder Maus oder Riesenkäfer war, oder sogar die Existenz der Kakermaus bestätigte, lief sie zurück zum Auto und fuhr weiter.

Und wieder ging es einer kurvenreichen Waldstrecke entlang, neu waren nur die immer dichter werdenden Nebelschwaden.

Die Müdigkeit spürte sie bald wie einen Krampf am ganzen Körper. Ihre Beine fühlten sich steif und schwer an, die Arme stützte sie am Lenkrad ab, an dem sich ihre Finger festkrallten. Die letzte Nacht hatte sie kaum geschlafen und sie wünschte sich nichts sehnlicher als das nachzuholen. Frisch geduscht ins Bett fallen und lange schlafen – so einfach könnte es sein. Vielleicht mit einem kleinen Abendessen davor.

Während sie sich langsam durch die Finsternis schlängelte malte sie sich aus, wie sie, in einen flauschigen Bademantel gehüllt, ihre Haare frisch gewaschen und in einen Turban gewickelt, auf einem großen Bett lag und sich zwischen Pizza, Burger und Sandwichs entscheiden musste. In der realen Welt entschied sie sich für alle drei und nahm auch noch etwas vom Chinesen mit. Dazu einen großen Becher Eistee und das Alles während sie eine romantische Schnulze in der Glotze ansah. So sollte der Tag heute eigentlich zu Ende gehen, das hatte sie sich doch verdient, oder? Ihr Magen knurrte zustimmend.

 

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