MenEater 2/2 – Neugier & Mordverdacht

meneater_ch2Das Lokal war schnell gefunden. Immer mehr Autos scharten sich in den letzten Minuten um den Parkplatz des Lokals herum. Floppy das Schwein, stand über dem Eingang. Eine Treppe führte, an einer kleinen Terrasse vorbei, in das gut gefüllte Innere des Lokals. Jess trat vorsichtig ein, um unbemerkt doch noch das Weite ziehen zu können. Ihre generelle Scheu machte sich wieder bemerkbar.

Wie vermutet, schien die Happy Hour voll im Gange zu sein, jedenfalls waren die Gäste mit Trinken, Reden und Zuhören zugleich gut ausgelastet. Unbemerkt und deshalb mutig, hielt sie nach Sisi Ausschau, wie auch immer das in diesem Gewimmel gelingen sollte. Der Raum wirkte nett. Ein glatter Holzboden, hübsche Möbel, etwas gedämmte Beleuchtung, und für den ersten Anschein, ein sauberer Eindruck.

Auf den zweiten Blick bemerkte Jess nun auch den Geruch der ihren Hunger zu erneuter Hoffnung aufleben ließ. Die Aussicht auf gutes Essen, in einer gut gelaunter Atmosphäre, wo niemand sie kannte und scheinbar auch niemand Interesse an ihr zeigte, hob auch Jess müde Stimmung wieder an. Doch eigentlich erwartete sie sich doch zumindest eine Aufmerksamkeit. Wie sollte sie Sisi finden? Vielleicht wusste der Typ an der Bar mehr. Nochmals warf sie einen Blick in die Runde. Was war nun passiert? Warum verstummten alle? Das gleichmäßige Gemurmel war augenblicklich erloschen und alle starrten in die selbe Richtung. In ihre Richtung. Da war es wieder, das typische Verhalten der Landeier. Jess machte einen Schritt zurück. Die erlangte Kurzzeitentspannung war verflogen. Noch immer waren die Blicke der Neugier auf sie gerichtet und niemand schien auf die Idee zu kommen, dass das vielleicht unangenehm sein konnte.

Wo war nur diese Sisi? Sollte sie vielleicht mal in die Runde fragen? Um endlich den Blick von der Meute abwenden zu können, kramte sich in ihrer Tasche um Sisi nochmals anzurufen. Im selben Moment hörte sie eine bekannte Stimme aus der Richtung der Bar. „Da sind Sie ja endlich mein Engel!“, rief diese in grellem Ton. Was Mobilfunk alles schluckte. Das Sie klang vorher auch mehr wie ein Du. Eine sonderbare Person, das war sicher. „Hallo nochmals!“, und schon stand eine kleine Frau dicht vor ihr und reichte ihr die Hand. Zu allem Ärger ließen die Blicke um sie noch immer nicht ab. Während Jess ihrem auffälligen Gegenüber die Hand reichte, versuchte sie dem Publikum den Rücken zuzuwenden. Sisi sah eigentlich genauso aus, wie man sie dank ihrer starken Stimme einschätzte. Rundlich, kurze, schwarze Haare, ein rundes Gesicht mit rosa Wangen und etwa 20 cm zu klein. Jess schätzte sie auf etwa 55 Jahre.
Auch Sisi nutzte die Gelegenheit und musterte Jess von Kopf bis Fuß. Ein vergnügtes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit und bedeutete hoffentlich, dass die Musterung positiv und vor allem, abgeschlossen war. „Damit könnten wir die Zwölf komplett bekommen!“, murmelte Sisi der Dame neben ihr zu und wandte sich wieder zu Jess. „Wie war nochmals dein Name, Jessica?“ Die Person neben Sisi schien etwas aufzuschreiben.
„Die meisten nennen mich einfach Jess. Was meinten sie vorhin …?“ Jess deutete zur Person neben Sisi.
„Ach!“, viel sie ihr ins Wort. „Dafür haben wir später noch Zeit. Komm setz dich zu mir an die Bar und iss etwas. Was machst du hier? Ich habe angenommen dass du hungrig bist und hab dir schon Mal was von dem Rinderbraten bestellt. Du isst doch Fleisch oder? Sag bloß nicht dass du dich vegetarisch ernährst. Nur ungern nehme ich solche Leute bei mir auf…“, plapperte Sisi ohne Rast. Rasch verneinte Jess. Hoffentlich auf die richtige Frage, denn es war schwer ihr zu folgen. „Der Braten ist wirklich vorzüglich. Du hast Glück gehabt noch einen zu erwischen! Johann!“ Schrie sie nun hinter die Theke. „Hier ist sie und sie ist hungrig, wie ich dir gesagt habe!“ Johann, vielleicht ende fünfzig, groß, breite Schultern, gutmütiger Blick, erinnerte sie an eine dunklere Ausgabe von Jeff Daniels.
„Das ist Johann, das Floppys gehört ihm.“, erklärte Sisi lautstark.
Seine dunklen Haare hatten an den Seiten schon einige graue Stellen und trotzdem war er selbst noch auf den zweiten Blick sehr gut aussehend. Womöglich hatte er einen netten Sohn, mit dem sie sich die Zeit vertreiben konnte?
Wow, noch vor wenigen Stunden hatte sie sich absolute Abstinenz auferlegt und nun dachte sie schon daran, den imaginären Sohn eines Mannes zu Daten, den sie seit fünf Sekunden kannte.
Zur Begrüßung nickte Johann zu ihr rüber und deutete ihr mit einer Barmännischen Geste, Platz zu nehmen. Die wortlose Begrüßung machte ihn für Jess noch sympathischer.
„Das Essen ist in fünf Minuten fertig, was darf’s zu trinken sein?“ fragte er wenig später und schenkte ihr ein angenehmes Lächeln.
“ Wasser und vielleicht ein Glas Rotwein bitte“. Obwohl sie befürchtete, dass der Wein sie endgültig in die Knie zwingen würde.
„Rotwein?“, mischte Sisi sich ein. „Du siehst eher nach einem ordentlichen Brandy aus, meine Liebe!“ Schon ertönte ihr Kommando an Johann. „Schenk ihr einen ordentlichen Schluck von deinem 10jährigen ein. Und vergiss mein Glas nicht!“
„Dieses eine Mal bin ich deiner Meinung“, antwortete er und tat was befohlen war.
„Der geht natürlich aufs Haus.“, zwinkerte er ihr zu. Ob er solo war? Er trug keinen Ring am Finger und umso mehr wünschte sie sich, dass er eine nette Partnerin an seiner Seite hatte. Er verdiente eine hübsche und liebenswerte Frau, soweit war sie sich ihrer intakten Menschenkenntnisse sicher.

Jess ertappte sich dabei, Johann womöglich schon etwas zu lange angestarrt zu haben, aber es schien ihm nicht zu stören. Auch er richtete seinen Blick immer wieder auf Jess und schwenkte dann zu Sisi. Als wollte er Sisi beschwören, glaubte Jess eine warnende Geste in seinem Blick zu erkennen.
„Schätzchen, ich bin gleich zurück.“ Sisi tätschelte Jess Knie und hüpfte in einem Satz vom Hocker, um sich an einen der Tische zu setzen. Die zwei Damen an dem Tisch hatten sie sichtlich erwartet und sofort steckten die drei ihre frisch geföhnten Kurzhaarfrisurhäupte zusammen. Zwischen den Tuscheleien blickten sie immer wieder im Kollektiv zu Jess hoch. Jess, einen großen Schluck Brandy intus, versuchte genauso dreist zurück zu starren, was aber lediglich eine noch bessere Sicht für das Publikum bot.
„Die können einen ganz schön auf die Palme bringen, nicht wahr?“, sprach Johann zu ihr und Jess nickte still. „Schon irgendwie. Kennen Sie Sisi gut? Ist sie seriös?“ Es war vielleicht eine blöde Idee, einen Fremden nach einer anderen Fremden zu fragen, aber egal auch sie war eine Fremde und morgen schon wieder von hier weg. Sie wollte nur eine gemütliche Nacht herausschlagen. „Ich meine, irgendwie macht sie mich nervös und ich weiß noch immer nicht, ob ich nun ein Zimmer habe. Ich bin ganz schön erledigt.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich denke dass du gut bei ihr aufgehoben bist. Die Pension läuft ziemlich gut und ist auch zumindest am Wochenende oft ausgebucht. Wenn sie nicht noch etwas frei hätte, würde sie dich nicht hier her locken.“ Johann entschuldigte sich für einen Moment und verschwand um einen Augenblick später mit einigen Tellern auf den Armen wieder zu erscheinen. Dampfendes, fantastisch riechendes Essen. Jess Augen überschlugen sich, ihr vor Hunger verkrampfter Magen formierte sich zum Einsatz und ihr Speichel bekam Lauffrei, als Johann einen der Teller vor ihr abstellte.
„Lass es dir schmecken.“, war sein Startkommando. Es folgten noch weitere Essenslieferungen aus der Küche und schließlich stürzten sich alle über die Teller, wodurch das Stimmengemurmel vom Messer- und Gabelklappern abgelöst wurde.

Auf Jess Teller lag ein übergroßes Stück Fleisch, das verdammt gut aussah – der angekündigte Rinderbraten. Dazu eine perfekte Rotweinsauce die sie sofort probierte. Daneben Kartoffeln mit Rosmarin und Gemüse. Der Anblick erhoffte große Erwartungen, das Probieren übertraf sie. Zart, lecker, nicht zu toppen. Was war das hier, ein Gourmetgeheimtipp? Oder war sie bloß so ausgehungert, dass selbst eine zähe Schuhsohle wie ein Stück Himmel schmeckte? Unwahrscheinlich. Auch das Gemüse war sichtlich frisch und auf den Punkt gegart. Selbst die Kartoffeln erreichten 10 Punkte in der Geschmacks- und Knusprigkeitsskala. Jess konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so gut gegessen hatte. Ratzfatz war der Teller leer geputzt und sie fragte sich, ob sie noch eine zweite Portion vertragen konnte. Wortlos nahm Johann den leeren Teller weg und ersetzte ihn durch ein großes Stück Kirschkuchen.
„Ich muss dich vorwarnen.“ Amüsiert beobachtete er wie Jess nun den Kuchen verschlang. „Alle wollen wissen, wer du bist und was du hier machst!“ Mit vollem Mund drehte sie sich um, um die lästigen Stalker erneut zu ertappen. Ruckartig wandten sie sich dieses Mal ab. „Ich habe ihnen erzählt, dass du deinen Mann am Altar erschossen hast und nun auf der Flucht bist. Ich hoffe das macht dir nichts aus.“ Jess versuchte zu lachen und schluckte zur Sicherheit erst mal runter. Mit einem Zwinkern neigte er sich zu ihr vor. „Bitte lass dich nicht abschrecken. Die sind sonst eigentlich ganz nett.“ Jess blicke in die Runde. Scheinbar hatten sie dank Johann nun etwas mehr Respekt vor ihr.

Johanns Geschichte war auch gar nicht so abwegig. Vorgestellt hatte sie sich das Szenario definitiv einige Male in den letzten Stunden.
„Kann ich dir noch was bringen?“ Johann deutete auf den krümellosen Teller und auf die leeren Gläser. Den Brandy hatte sie längst geleert. Die beiden hatten Recht gehabt, ein tolles Getränk. „Vielleicht noch einen kleinen Brandy?“
Kurz darauf stand ein weiteres Cognacglas vor ihr, dass er wieder mit derselben unbeschrifteten Flasche füllte. Sofort nahm Jess einen Schluck. „Das ist eine sehr schöne Bar, haben Sie sie schon lange?“
„Schon ewig.“ Nachdenklich kratzte er sich kurz an der Stirn. „Ursprünglich war das hier eine Art Kosmetiksalon, vor etwa 30 Jahren habe ich das Haus gekauft und die Bar daraus gemacht.“ Stolz warf er einen Blick durch den Raum. „Den Großteil der Einrichtung, habe ich selber mit meinem Bruder und mit meinem Neffen gebaut.“ Jess bewunderte nochmals alles. Die etwa vier Meter lange Holzbar lag auf einem gemauerten Sockel, der in einigen Abschnitten mit schmalen Holzplatten verkleidet war. Die Farbe des Holzes war fast schwarz, wirkte schwer und teuer. Beim drüber streichen, konnte Jess, trotz der glatten Oberfläche, die Maserung gut spüren. Dasselbe Holz wurde ebenso für Tische und Fenster verwendet, bemerkte Jess, als sie sich nochmals durch den Raum drehte. Leider auch dieses Mal zu überraschend für ihre ehrfürchtigen Fans. Mittlerweile war es ihr fast schon egal. Der Brandy sorgte nochmals für Entspannung.
„Wirklich sehr schön!“ flüsterte sie.
„Kann ich vielleicht noch ein kleines Stück Kuchen haben. Und noch mehr Wasser, bitte?“, bat sie Johann höflich.
„Du scheinst etwas aufzutauen, ich hoffe das liegt nicht nur am Brandy!“ Vorhin warst du fast ein bisschen bleich, mittlerweile hast du wieder etwas Farbe im Gesicht.“ Er deute auf ihre roten Wangen und Jess klatschte ihre Hände an die Wangen ihres erhitzten Gesichtes. Die Erinnerung an den verdammt langen Tag und die mühsame Fahrt kamen zurück. Das Essen hatte sie wieder etwas aufgepäppelt. Ebenso der Brandy.
„Morgen gibt es Pizza wenn du Lust hast.“
Jess wollte ihm erklären, dass sie für morgen schon andere Pläne hatte, nämlich zurück auf die Autobahn und weiter in Richtung Irgendwo, als Sisi wieder an die Bar kam und zugleich das Wort übernahm. „So, nun aber los meine Dame! Wenn du noch ein Zimmer willst, dann solltest du mich jetzt begleiten. Mein Stefan hat noch nicht ausgetrunken, wird aber bald nachkommen. Johann, du gibst ihm übrigens nichts mehr, er muss sich daran halten. Nur ein Bier pro Tag! Sonst setzt Lola ihn wieder auf Diät und dieses Gejammer ertrage ich nicht!“ Jess wagte nicht weiter zu fragen und kramte in ihrer Tasche nach Geld. „Schon gut, lass das Geld stecken! Johann du setzt alles auf meine Rechnung. Immerhin habe ich dich her gelotst!“
Jess lehnte dankend ab und wandte sich an Johann um zu bezahlen. „Da muss ich Sisi zustimmen“, gab auch Johann zu verstehen. Jess wechselte unsicher den Blick zwischen den beiden hin und her und erkannte schließlich, dass die Zwei nicht nachgeben würden. Sie steckte die Geldbörse wieder weg und verabschiedete sich bei Johann, nachdem sie sich ein weiteres Mal für die leckere Verpflegung bedankt hatte.
Als weiteres Zeichen für Sisis dringende Aufbruchsbereitschaft riss sie Jess Handtasche an sich. „Gut, auf geht’s. Gute Nacht, wir sehen uns Morgen!“, rief sie laut, womöglich der Allgemeinheit zu, und trat mit kurzen aber verdammt flotten Schritten zur Tür.
Nun musste sich selbst Johann über Sisis seltsames Verhalten wundern und das obwohl er schon einiges von ihr gewohnt war. Zur Sicherheit warf er ihr einen weiteren warnenden Blick zu, doch Sisi wandte sich vollständig ab. „Gute Nacht und alles Gute.“, wünschte er Jess. „Falls du morgen Zeit hast, schau einfach mal rein.“
„Danke, aber ich werde morgen früh wieder weiterfahren, also vermutlich nicht. Es war aber wirklich sehr schön hier.“
Johann nickte. „Und wo geht deine Reise hin. Wieder nach Hause?“
„Nein, auf keinen Fall!“, sagte sie etwas zu rasant. „Keine Ahnung wohin, das überlege ich mir morgen.“
„Alles klar, falls du doch noch etwas Zeit hast, oder Ruhe suchst-„, mit seinem Kopf deutete er zu Sisi, „-komm rüber auf eine Tasse Kaffee. Morgen vormittags sollte es noch relativ ruhig hier sein, vielleicht kann dir mein Neffe ein paar Tipps für die Umgebung geben …“. Ein weiterer Satz, der sein natürliches Ende nicht erleben durfte.  „Was ist jetzt?“ Ungeduldig trippelte Sisi an der Tür auf und ab. „Willst du mit Stefan nach Hause gehen, der bleibt womöglich noch ein bis zwei Stunden. Ich habe leider keinen Gästeschlüssel bei mir, da du ja nicht reserviert hast.“ Rief sie forsch. „Ich muss aber jetzt gehen, denn ich brauche meinen Schönheitsschlaf, sonst bin ich morgen unausstehlich!“ Daran bestand kein Zweifel und es reichte als letzte Warnung für Jess.  „Und Morgen wird ein langer Tag, ich würde dir also raten, dass du jetzt mitkommst!“ Mit einem Wink verabschiedete sich Jess und eilte Sisi hinterher, die bereits auf der Straße war. Endlich erhielt sie auch ihre Tasche zurück. Nein, die Laune ihrer Gastgeberin noch weiter zu überspannen, wagte sie nicht. Auch sie brauchte unbedingt Schlaf, außerdem wollte sie noch Poppy anrufen, die machte sich sicher schon Sorgen.

 

MenEater QUICKLINK

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *