Einfache Abrechnung – Reisezug

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Die einzige Rechenart die ich wirklich beherrsche: Die Abrechnung – Ausmaß, Personalisierung und Präzission sind die wichtigsten Grundregeln für einen sauberen Vollzug.

Es folgt ein wunderbares Exemplar …

Liebe Kollegen der Personalabteilung,

herzliche Gratulation zum Erhalt meiner Kündigung.

Ich verlasse den stinkenden Zug,
ich gehe vom sinkenden Schiff,
und blinke rechts zur nächsten Abfahrt!

Ach … was ist das für eine Genugtuung! Eine Erleichterung, tatsächlich so, als ob eine lange, äußerst zermürbende Fahrt im Reisezug endlich zu Ende geht. Eine Fahrt im überfüllten, unklimatisierten Abteil, mit einem ins Ohr schnarchenden, auf die Schulter sabbernden, nach billigem Bier stinkendem Sitznachbar zur Rechten und einem, steifen, verkorksten Trottel gegenüber, der an nervösem Schulterzucken zu leiden scheint und einem unbedingt von seinem mitgebrachtem Eiaufstrichsandwich essen sehen will. 

Ein wahrer Trottel, der einem pausenlos mit langweiligen Erzählungen über seine selbst erforschte Eiaufstrichrezeptmeisterschaft die Ohren abkaut. Und das, während einer Zugfahrt, bei der man sich eigentlich darauf eingestimmt hat, ein Buch zu lesen, das nicht nur interessant und irgendwie erfüllend zu sein verspricht, sondern auch Hoffnung auf inspirierende Wirkung mit sich zieht und im Idealfall sogar dazu anregt, Band II und vielleicht auch noch Band III zu genießen, während man diese, in der Reisebroschüre hochgelobte Fahrt von A nach B antritt.

Aber während der Trottel gegenüber, ständig über die negativen Auswirkung von überkochten Eiern quatscht und noch viel mehr über seine Leidenschaft dem Eier abschälen, dem richtigen Eier kochen, Brühtemparatur und den verschiedensten Eiersorten – größen und -merkmalen und einfach in seinem Erzählzwang nie erschöpft, bekam ich sehr wohl bald genug und suchte nach Eierlösung.

Der sofortige Ausstieg am nächsten Bahnhof wäre, im Nachhinein betrachtet, die beste Option gewesen, doch noch wollte ich als langjähriger Zugfahr- und Ziel B-Fan nicht aufgeben und suchte lösungsorientiert nach einem Platz in einem anderen Abteil.

In der Hoffnung, irgendwo angenehmere Mitreisende zu finden, Zuggessellen mit denen man gemeinsam schweigen, oder smalltalk mit beidseitigem Einverständnis führen, sich über den aktuellen Lesestoff unterhalten konnte und vielleicht sogar Interesse bestand, die Lektüre zu tauschen … Erfahrungsgemäß, war das eigentlich nicht zuviel verlangt … doch all dies blieb unerfüllt.

Alle anderen Abteile waren entweder überfüllt, oder hatten noch schrecklichere Gesellen zu bieten. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als geknickt zurück zum alten Platz zu kehren. Die Scheuklappen auf, dem Alkoholiker ans Fenster gelehnt, das Fenster aufgemacht, dem Trottel wortlos mit einem Thunfischsandwich und einem Tausend-Worte-sprechenden Blick gezeigt, dass für ihn nun Sendepause war, hatte ich zumindest für kurze Zeit ein halbwegs akzeptables Umfeld.

Für einen Moment schien sich auch wirklich Besserung einzutreten. Der Alkoholiker erwachte aus seinem Koma und verließ, torkelnd den Zug, der Trottel folgte ihm kurz danach und während der selbe Schaffner alle fünf Minuten kam, um meinen Fahrausweis zu kontrollieren, fand ich langsam aber doch heraus, dass das Buch, das am Buchrücken so vielversprechend geklungen hatte, diesen Erwartungen fremd, und im Großen und Ganzen absolut uninteressant war.

Und dann verkündete der Schaffner auch noch, dass unser Reiseziel geändert werden musste. Sofort herrschte allgemeine Nervosität im Reisezug. Die Einen wussten nicht ob sie aussteigen sollten, die Anderen hofften, dass sie im Zug bleiben durften, noch mehr Reisende kamen hinzu, andere verließen den Zug so rasch sie konnten, und ich wollte mir das neue Ziel zumindest ansehen, obwohl ich bereits ahnte, dass ich es mit meinem ursprünglichen Ziel, nur sehr schlecht vereinbaren ließ.

Auf Bitten des Schaffners und einigen neu hinzu gekommenen Reisenden, die mich lange ignorierten, mir falsche Reiseabsichten vorgaukelten und mich schließlich aber doch anerkannten, blieb ich im Zug. Vorallem, da ich dem Ziel eine Chance geben und dem Schaffner einen Gefallen tun wollte, um im Gegenzug eine Passagierklasse nach oben gestuft zu werden und ebenso aufgrund des Fehlens anderweitger Reiseideen.

Doch schließlich konnte ich mir nichts mehr vor machen. Die lange Fahrt bis hierher, war bereits zu 90 % langweilig und frustrierend, keine Aussicht auf Besserung, und das neue Ziel war einfach unattraktiv, der wenige Spaß, den ich hatte war lange vorbei, das Abwandern in die Businessclass konnte im fahrenden Zug plötzlich doch nicht gewährt werden und das doofe Buch, hatte ich längst aus dem Fenster geworfen.

Ein Gespräch mit dem Schaffner und ein weiteres mit dem Zugführer, ließ mich auf ein baldiges Ende meiner Reise hoffen und man sicherte mir einen Zwischenstopp zu, bei dem ich den Zug bequem verlassen konnte. Ein weiteres Mal wurden die Abmachungen nicht eingehalten und der Stopp wurde wieder abgesagt. Aufgrund der neuen Fahrplanvorgaben, war der Halt einfach nicht vorgesehen und konnte nicht durchgeführt werden. Zugführer und Schaffner erklärten mir deshalb meine nun noch offenen Möglichkeiten, die trotz meiner treuen Reisezugkarriere, leider nicht sehr verlockend aussahen: Ich konnte aus dem Fenster springen, oder musste warten bis der Zug von alleine hielt …

Ich verharrte also weiter im Zug. Doch nur für einen Moment. Wie durch ein Zufall erregte die Notbremse meine Aufkmerksamkeit und ohne zu zögern, zog ich daran … zuerst war nichts zu hören, doch dann, ein lautes Quietschen, gefolgt von schwerem Knaufen und Schnaufen und der elendslange Zug kam endlich stöhnend zum stehen.

Benommen stieg ich aus und bemerkte, wie fertig und müde ich von der viel zu langen und ungemütlichen Fahrt war.

Liebe Leute aus der Personalabteilung, nun endlich ist das tinnitusartige Quietschen durch die Bremsgeräusche des Zuges abgeklungen. Ich stehe am Bahnhof und habe mich entschieden etwas zu verweilen, andere Transportmöglichkeiten und Fahrziele zu studieren und wenn, dann vorerst nur Kurzstreckenzüge zu wählen, die auch meine Ziele als Passagier respektieren. Andernfalls, bzw. bestenfalls gründe ich meine eigene Fahrgesellschaft und halte mir hoffentlich für immer einfältige und faule Abteilungsgenossen, orientierungslose Schaffner oder asoziale Zugführer vom Leibe.

Zuletzt möchte ich noch der Zugbaugenossenschaft für den Einbau der Notbremse danken und hoffe trotzdem, dass ich sie nie wieder brauchen werde.

Tuuut-Tuuut-Tuuut… Wie gut, dass dieser Zug nun abgefahren ist!

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