MenEater 3/2 – Der Seefunken-Bote

meneater_chapter3Nach dem reichlichen Frühstück, Jess hatte kaum Platz mehr in ihrer Hose, die sowieso schon an ihr klebte, war es Zeit endlich ihre Sachen zu wechseln und dringend zu duschen. Sie musste bemerken, wie die anderen Gäste im Frühstücksraum sich mehr oder weniger heimlich Luft zufächelten und dass das Fächeln hastiger wurde, als sie an ihnen vorbei gegangen war.

Egal, duschen, frische Sachen anziehen und auschecken.

Jess hatte zwar etwas Gefallen an diesem Ort gefunden, doch bleiben war keine Option, es mussten noch dringend weitere Kilometer zwischen ihr und dem Alltag gebracht werden.

Während sie draußen im Wagen nach ihrem Kram suchte, blieb ein Reisebus vor der Pension stehen. Ein langwieriges Einparkmanöver später, entstiegen etwa 30 Pensionisten. Allesamt  nervös und aufgescheucht, traten sie auf dem Gehsteig auf und ab und reckten ihre Köpfe in alle Richtungen um zu erkunden, ob sie hier richtig waren. Einstimmiges Nicken bestätigte die Korrektheit der Adresse. „Meine Damen, meine Herren!“, ergriff ein kleiner Mann mit Hut das Wort, doch kaum jemand schenkte ihm Beachtung, dafür war die Gesellschaft zu beschäftigt im Verdauen der lokalen Eindrücke. Mit einem lauten Räuspern und durch das Hochheben seines Hutes brachte er die Gesellschaft zum Schweigen. „Nachdem das Gepäck ausgeladen wurde, werde ich unsere Zimmerschlüssel organisieren …“. Das Stichwort für erneute Hektik war gefallen, schon drängten sich alle an ihrem Reiseleiter vorbei, um im Gepäcksfach des Busses nervös ihre karierten Kofferstücke einzusammeln. Der erhobene Hut wankte und sein Besitzer versuchte auszuweichen um dann aber selbst sein eigenes Gepäck aus dem Laderaum zu sichern, bevor es Herrenlos auf den Gehsteig gestellt wurde. Nachdem jede Hand mindestens ein Gepäcksstück umfasste, verkündete der Hutbesitzer mit geschwellter Brust den nächsten Punkt der Tagesordnung. „Bitte um Ruhe meine Damen und Herren! Nachdem wir alle unsere Zimmer bezogen haben, wird uns ein zweites Frühstück serviert.“ Der Hutträger wusste wie er die Aufmerksamkeit erlangte. „Frau Sisi, hat dies eigens für uns arrangiert. Bitte denken Sie auch an Ihre Vormittagstabletten, die sie in den nächsten 30 Minuten zu sich nehmen sollten!“

Jess beobachtete die Truppe aus ihrem Auto heraus, die nun hektisch in den Taschen und Koffern herumkramte, während sie selbst nach dem Ladegerät ihres Handys suchte. Ihre Suche erfolgreich erledigt, wagte sie nicht das Auto zu verlassen, bevor nicht alle im Haus verschwunden waren um nicht weitere Sinne zu stören. Jess wartete deshalb noch ein paar Minuten ab und durchblätterte die Zeitung, die sie vorhin aus dem Frühstücksraum mitgenommen hatte. Für eine Kleinstadt hatte dieses Sonntagsblatt mit dem Namen“Seefunken-Bote“ einiges zu berichten, zumindest ließ die Dicke der Zeitung darauf schließen. Ein kulinarischer Bericht, zierte dabei die erste Seite.

„Kuchenwahl – Wer macht das Rennen?“

Darunter ein Bild einer verdammt ansehnlichen Torte, das selbst nach dem ausgiebigen Frühstück Jess‘ Appetit nochmals erweckte.

Wie jedes Jahr, am ersten Sonntag im Mai veranstaltet Seefunken auch heute wieder das allseits beliebte Fest: Zwölf Kuchen für Seefunken! Nach dem uns gestern Abend noch die Nachricht ereilte, dass nun auch der zwölfte Kuchen gesichert ist, kann sich die ganze Stadt auf einen ausgelassenen Nachmittag freuen. Leider stand der Name der ominösen, zwölften Bäckerin von Auswärts bis zum Redaktionsschluss nicht fest. Wir heißen sie dennoch herzlich Willkommen in unserer verliebten Stadt und wünschen ihr ein schönes Dinner!

Hatte nicht Sisi etwas davon erwähnt? Klang nach einem netten Fest, aber sie hatte andere Pläne, wenn auch ungewisse.

Auf der nächsten Seite waren sämtliche Geburtstage und Jubiläen der Woche aufgelistet, darunter einige Geburteneinträge mit den üblichen stolzen Fotos. Auf der nächsten Seite folgte ein Kalendarium über die Stadt. Jess nahm sich dafür noch einen Moment Zeit, schließlich hatten sich gerade erst die letzten Pensionisten durch die Eingangstür der Pension gezwängt.

Am 1. Mai 2003 wurde der „Seefunken-Platz“ so wie wir ihn heute kennen, feierlich eröffnet. In diesem Jahr wurde fand das Zwölf Kuchen für Seefunken-Fest zum ersten Mal auf dem Platz statt.

Am 4. Mai 1965 erreichte unsere Stadt die 7.000 Einwohnergrenze mit der Geburt von Rob Perani. Als Geschenk eröffnete die Stadt ihm ein Sparbuch im Wert von 100 Euro und zahlte seinen Eltern, Tea und Rob Senior Perani, alle Windelpackungen bis zu seinem dritten Lebensjahr. Seit dem stieg unsere Einwohnerzahl um etwa 8,4 %.

Am 5. Mai 1955, also am 5.5.1955 gaben sich im Seefunkener Rathauspark 55 Pärchen das Ja-Wort. In diesem Jahr fand sonst keine weitere Eheschließung mehr statt. Unsere Nachforschungen ergaben, dass mehr als 80 % noch verheiratet sind und noch in Seefunken wohnen.

Am 25. Mai 1979 eröffnete Johann Ruven, einer unserer Ehrenbürger, sein Lokal „Floppy das Schwein“, das aus unserer Stadt keinesfalls mehr weggedacht werden möchte.

Hey, da stand sogar ein Name den sie kannte! Vielleicht sollte sie doch noch einen Sprung vorbeischauen, bevor ihre Fahrt weitergehen sollte. Womöglich fand sie dort auch Zeit und Platz die Fahrt zu planen und er konnte ihr vielleicht auch einige brauchbare Tipps geben. Nun war es aber Zeit ihr Zimmer zu räumen, mit Sicherheit scharte bereits jemand vor der Tür.

Der warmen Maisonne war es gelungen, dass ihr T-Shirt nun absolut Eins mit ihrer Haut war. Nun konnte sie wirklich nicht mehr länger warten. Gerade wollte sie die Zeitung weglegen, als ihr Blick auf die nächste Seite fiel, die komplett von einer Anzeige eingenommen wurde. „Zwölf Kuchen für Seefunken“ stach aus dieser hervor. Dieses Fest schien Thema der ganzen Ausgabe zu sein. Doch auch sie, wie vermutlich jeder Einwohner oder Gast in Seefunken an diesem Morgen, las diese Anzeige aufmerksam durch.

 

Kuchenfest_Kiwigreen

 

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