MenEater 3/3 – Erstgeborenenopfer

meneater_chapter3Leise schlich Jess wieder hinauf in ihr Zimmer und hoffte der Reisegruppe nicht in die rheum-geplagten Arme zu laufen. Die laute Diskussion im Frühstücksraum konnte ihr allerdings nicht entgehen. Sie konnte eindeutig Sisi vernehmen, wie sie mir ihrer Stimme ihren Gesprächspartner überfuhr, wie die manipulierte Dampflok aus Zurück in die Zukunft III.
„Ich habe nun mal nur 15 Zimmer für Sie, also entweder Sie geben sich damit zufrieden oder Sie suchen sich eine andere Unterkunft!“
„Aber ich möchte nochmals betonen, Sie haben mir schriftlich 16 Zimmer zugesagt! Erklären Sie mir bitte, warum es nun nur 15 sind!“
„Ich muss Ihnen gar nichts erklären! Es gibt eben nur 15 freie Zimmer, ich führe eine kleine Pension, keine Bettenburg, Ihre Gruppe besteht aus 28 Personen und Sie haben bereits 30 Betten zur Verfügung… zusätzlich organisiere ich Ihnen noch den Luxus eines außerplanmäßiges Frühstücksbuffets, haben Sie überhaupt eine Vorstellung welche Arbeit dahinter steckt? Was möchten Sie noch von mir haben? Meine Erstgeborene ist leider schon vergeben!“
Und damit schien die Diskussion beendet zu sein, Jess hörte zwar, wie der Hutträger noch ein paar Mal nach Luft schnappte, während sie selbst schnell die Flucht ergriff, um nicht beim Lauschen ertappt zu werden. Wenig später polterte der Hutträger erzürnt die Treppen hinauf, als Jess gerade rechtzeitig im Zimmer verschwand. Denn sie hatte ja eines.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, hörte sie draußen die wütenden Schritte an ihrem Zimmer vorbei stampfen. „Eine unmögliche Person! Das war das letzte Mal, dass ich hier gebucht haben!“, fauchte er wild.

Jess nahm endlich die überfällige Dusche und schmunzelte noch eine Weile über Sisi und die Reisegruppe. Der Hutträger musste sich nun womöglich eine Zimmerkumpanen, oder Kumpanin suchen. So schlimm war das doch gar nicht. Die Auswahl dafür war auch ganz gut bestückt. Das musste man Sisi lassen, ein guter Kuppelschachzug!

Nach zwei Einheiten Pflegespülung, der widerspenstigen Haarzähmung wegen, Peeling für Gesicht, Oberschenkel und Po, sowie eine beinahe Komplettrasur, war alles wieder eingeholt, was sie die letzte Zeit vernachlässigt hatte. Wie neu geölt, geschält und geboren zugleich warf sie sich zufrieden aufs Bett um noch etwas nachzuholen, was sie vernachlässigt hatte. Poppy.

Ihre Freundin meldete sich sofort. Klar, denn sie hatte schon längst auf ihren Anruf gewartet.
„Schön, dass du noch lebst!“
„Ich weiß, entschuldige, aber ich war gestern Abend zu kaputt um mich zu melden“
„Erzähl schon, wo bist du gerade?“
„Gute Frage, ich bin in einer Kleinstadt, irgendwo südlich, ich schätze gut 200 km von Malnis entfernt… “
Während Jess von ihrer anstrengenden Reise berichtete, bemerkte sie, dass die Themen die ihr noch vor zwei Stunden eine mentale Hölle bereitet hatten, fast vergessen waren. Poppy würde dieser wohltuenden Ablenkung nun leider ein Ende bereiten.
„Willst du wissen wer mich, oder eigentlich dich besucht hat?“Jess atmete tief durch und bereitete sich auf das Schlimmste vor und wurde nicht enttäuscht.
„Erzähl einfach!“
„Ok“, fuhr Poppy fort. „Gestern Abend bin ich mit einigen Sachen von mir in deine Wohnung gekommen, und als ich vielleicht 15 Minuten hier war, klingelte es bereits an der Tür. Es war deine Mutter!“
Jess fasste sich an die Stirn. „Verdammt was wollte sie?“ Das letzte Mal als ihre Mutter sie besucht hatte, war…? Hatte ihre Mutter sie ihn Biens schon jemals besucht?
„Sie wollte unbedingt mit dir sprechen. Ich habe ihr gesagt dass du für eine Weile weggefahren bist und deine Ruhe haben willst. Sie sah allerdings etwas nervös aus und hatte ziemlich viel Farbe im Gesicht, also ich meine sie war etwas rot im Gesicht – vor Aufregung, nehme ich an.“
Warum ihre Mutter so erhitzt war, wollte Jess gar nicht Wissen, ihre Vermutung war ausreichend.
„Es ging noch weiter. Sie meinte du wärst schwanger und sie mussten deshalb unbedingt mit dir reden!“ Poppy pausierte ums selbst Luft zu holen.
„Jess, ist das wahr? Bist du schwanger? Weshalb hast du …“
„Nein ich bin nicht schwanger!“ brüllte Jess ins Telefon. Wie kamen die nur auf diese Gedanken? Von wem sollte sie schon schwanger sein? Aufgebracht versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen, als ihr wieder einfiel woher das Gerücht stammen konnte.
„Erzähl, was ist los, wie kommt es zu dieser Vermutung?“ fragte ihre Freundin besorgt.
„Du kriegst aber nur die Kurzfassung, denn eigentlich möchte ich gar nicht daran denken …“

Jess verschaffte Poppy einen Überblick über die Affäre zwischen ihren Eltern. Dass sie sich übergeben musste, als sie davon erfuhr und dass dies womöglich der Anlass der spektakulären Vermutung ist.

„Das war’s im großen und ganzen, danach habe ich entgültig den Beschluss gefasst dass ich aus Biens weg muss.“
„Ok“ antwortete Poppy leise.
„Verstehst du, nach zehn Jahren wollen sie plötzlich wieder zusammen sein, ein glückliches Paar sein, das sie eigentlich nie waren, wie soll das funktionieren?“
„Naja, wünscht sich nicht jedes Kind, dass seine Eltern das glücklichste Paar der Welt sind?“
Ja, in der Theorie… aber Jess Eltern gemeinsam? Das hatte noch nie einen Sinn! Das Thema war ihr außerdem zutiefst zuwider.
„Bitte, stopp. Ich will über meine lächerlichen Eltern nicht reden. Erzähl mir lieber wie es Lemon geht!“
„Der Arme liegt gerade auf meinem Bauch und schnurrt seit ich mit dir telefoniere! Aber mir fehlst du auch Jess!“
„Ich vermisse euch beiden auch ganz stark!“ Vielleicht sollte sie wieder zurück kommen? Poppy und Lemon waren derzeit die einzigen Wesen, die ihr nahe lagen. Aber zurück fahren, war keine echte Option. Noch nicht. „Jess, ich muss dir noch etwas erzählen, kurz nachdem deine Mutter weg war, hattest du nochmals Besuch bekommen. Und zwar von Martina!“
Jess hielt den Atem an, als Poppy zu berichtete.
„Sie machte bereits draußen im Stiegenhaus enormen Lärm, pochte an die Tür und schrie nach dir! Ich hatte eigentlich beschlossen nicht hinzugehen und gehofft, dass ihr bald die Luft aussehen würde. Doch dann hörte sie nicht auf herum zu wüten und fing an lautstark über dich zu beschimpfen. Selbst für meine Verhältnisse klang sie äußerst derb. Was mich aber am Meisten wütend machte, war dass sie absolut kein Recht dazu hatte.“
„Nein, hat sie nicht!“ bestätigte Jess so laut wie möglich.
„Jedenfalls habe ich dann in deiner Küche nach einer Packung Tomatensaft gesucht, zusammen mit etwas Rotwein habe ich das Zeug in eine Vase geleert und bin damit an die Tür gestürmt. Sie sah etwas erschrocken aus, als ich mit einem schnellen Ruck die Tür öffnete. Die Gelegenheit hab ich natürlich genutzt und ihr das ganze Zeug ins Gesicht geschüttet. Und dann war sie erstmal Leise.“
Poppy lachte stolz am anderen Ende und auch Jess konnte sich nicht zurück halten und traute sich endlich zu Atmen.
„Poppy, du bist die Beste!
„Danke, ich weiß!“ grinste ihre Freundin zurück ins Telefon.
„Jedenfalls denke ich, dass wir nun für eine Weile von ihr Ruhe haben. Während sie so da stand, und ungläubig an sich runterblickte, während die Brühe sich in ihren weißen Pulli festfraß, wollte ich ihr dringend auch noch verbal in den Arsch treten und habe außerdem versucht, alles richtig zu stellen.“
Jess war stolz auf ihre Freundin.
„Was würde ich nur ohne dich machen?“ Nun war Jess doppelt so froh, im falschen Moment am richtigen Ort gewesen zu sein.
„Übrigens, ich muss weiße Wandfarbe besorgen, damit ich die Reste der Tomatenbrühe übermalen kann, die Martina nicht abgekriegt hat…
Die beiden witzelten noch lange über das Thema und nutzten die Gelegenheit nochmals über die Geschehnisse der vergangenen Tage zur plaudern. Die Schreckenshochzeit, als Martin, der Bräutigam vor allen Gästen offenbarte, dass er Jess liebte und eigentlich sie heiraten wollte. Wie Jess aus allen Wolken gefallen war, als sie das hörte und vor der Hochzeit flüchten musste, weil mindestens 100 Personen ihren kollektiven Hass auf sie richteten. Dabei kannte sie Martin kaum und selbst während der Hochzeitsplanung hatte sie kaum ein Wort mit ihm gewechselt und schon gar keine Körpersäfte.

Was Jess aber selber noch nicht wusste und nun berichtet bekam, war dass Martina und Martin trotz allem noch geheiratet hatten. Allerdings gab es vor dem Ja-Wort im Garten von Martin’s Eltern noch eine weitere Szene. Martina gestand Martin, dass sie ihn kurz nachdem sie sich verlobten, betrogen hatte. Die Feier wurde für mindestens zwei Stunde unterbrochen, in der Braut und Bräutigam sich zum zweiten Mal an diesem Nachmittag vor allen Gästen beschimpften. Katharina, Martins Schwester, zog die beiden dann schließlich ins Haus, wo sie versuchte die beiden wieder zu beruhigen. Scheinbar erfolgreich, denn Braut und Bräutigam kehrten schließlich wieder auf ihre Plätze zurück und die Trauung konnte endlich vollzogen werden.

Die ganze Geschichte war einfach nicht zu glauben, doch allein die Tatsache, dass Jess Mittelpunkt der Misere war, flößte der Story ungewollte Brisanz ein. Poppys Berichterstattung war allerdings noch lange nicht zu Ende. Den nachdem sie Martina auf mediterrane Art übergossen hatte, stand wenig später erneut Besuch vor der Tür. Diesmal war es Martin.

 

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