MenEater 3/5: In bester Gesellschaft

meneater_chapter3Drinnen angekommen, ersparrte sie sich den Blick in die Runde. Sie wusste dass sie wie gestern beobachtet wurde und versuchte die ihr gewidmete Aufmerksamkeit zu ignorieren. Zum Glück schienen die meisten zumindest teilweise echten Beschäftigungen nachzugehen – in der Ecke wurden kleine Blumenvasen dekoriert und daneben Plakate und kleine Tafeln bemalt. Hinter der Bar wartete ein freundliches Gesicht und während Jess hoffnungsvoll den Fußboden nach ihrem Hab und Gut absuchte, wurde sie herzlich begrüßt. „Hallo Jess! Wie schön dass du doch noch Zeit gefunden hast!“
„Eigentlich hatte ich einen anderen Plan, dann habe ich bemerkt dass ich meine Geldbörse verloren hab, deshalb bin ich hier – Du hast sie nicht zufällig gefunden?“ Johann schien mit den Gedanken etwas abwesend zu sein, wie sein leicht mürrischer Blick verriet. Doch schon erhellten sich seine Gesichtsszüge wieder. „Nein, leider. Wann hattest du sie zum letzten Mal?“

“Ich weiß nicht genauc, gestern abend als ich zahlen wollte, hatte ich sie jedenfalls noch!“

“Ok ich verstehe, ich bin sicher du wirst es noch finden. Am besten du suchst nochmal alles ab, vielleicht auch in der Pension. Allzu weit wird das Geld wohl nicht sein!“

“Ich weiß nicht, ich glaub‘ es ist weg. Ich hatte gehofft dass es hier ist, denn alles Andere habe ich schon mindestens drei Mal abgesucht!“ Niedergeschlagen fasste Jess sich an die Stirn. „Sisi wartet mit Sicherheit schon darauf, dass ich endlich bezahle und abreise, damit sie das Zimmer weiter geben kann. Das Haus ist ziemlich voll! Ich werde ihr vorschlagen, dass ich ihr das Geld überweise, sobald ich zu Hause bin, wohin ich nun auch wieder fahren muss!“

Johann war die trübe Stimmung nicht entgangen und überlegte wie er sie aufheitern konnte. Dass es nicht in Sisis Interesse war, dass Jess heute abreiste, war ihm klar, und mindestens genauso vermutete er, dass Sisi hinter der verschwundenen Geldbörse steckte. Während er das Geschirrtuch weg legte, mit dem er die die Bar und die darunterliegende Arbeitsfläche gerade geputzt hatte, warf er seinem Neffen der am anderen Ende der Bar saß einen vielsagenden Blick zu. Jess setzte sich auf einen Hocker und bemerkte erst jetzt, dass sie nicht alleine an dieser Seite der Bar Bar war.

“Übrigens! Das ist Dek, mein Neffe“ als konnte er ihre Gedanken lesen, deutete Johann auf den Mann an ihrer linken Seite. Dek, der etwas zuvor mit dem Sportteil einer Zeitung beschäftigt war, schenkte dieser nachdem die Türe aufgegangen war nur mehr spärliche Beachtung. Er bemühte sich sein bestes Begrüßungslächeln aufzusetzen und tauschte dann seinen Stammplatz gegen den Hocker neben Jess. 
“Freut mich, dass ich das Stadtgespräch endlich zu Gesicht bekomme!“ Mit einem verdammt charmanten Lächeln reichte er ihr die Hand. Jess, mit den Gedanken noch bei ihrer verschollenen Geldbörse, starrte ihn einen Moment an, bevor sie reagierte und ihm mit etwas Verzögerung ebenfalls die Hand reichte. 
“Hi, ich bin Jess.“ Dek war die nahezu identische, jüngere Ausgabe seines Onkels. Wenn auch etwas größer und mit breiteren Schultern ausgestattet, hatte er die selben dunklen Augen, dunkelbraunes kurz geschnittenes Haar und ebenso sympathische Gesichtszüge wie Johann. In einem sorgenfreieren Moment wäre diese Phänomen einer männlicher Gestalt, Jess für keine Sekunde entgangen. Er trug ein leichtes, violettes Tshirt, das seinen athletischen Körper nicht versteckte. Nicht weniger attraktiv, wirkte was in der hellen, verblichenen Jeans steckte.
„Schön dich kennen zu lernen!“, registrierte Jess schließlich als Dek ihre Augen erfasste und nicht mehr losließ. „Die Aufmerksamkeit ist gerechtfertigt!“

Jess die kaum jemals ein Lob an sich für gerechtfertigt hielt, lächelte verunsichtert und versuchte sich zu verteidigen. 
“Danke, obwohl ich nicht weiß was das alles soll! Jeder hier scheint mehr über mich zu wissen, als ich selbst …“. Ein inhaltsreicher Blick zwischen Dek und Johann wurde gewechselt. 
“Dann möchte ich mich im Namen der Stadt für Alle und Alles, auch für das was womöglich noch passieren wird, entschuldigen! Ich hoffe du nimmst es uns nicht allzu übel, aber du kannst dir vielleicht denken, dass den Meisten hier einfach nur langweilig ist und die üblichen Katastrophen nicht für ausreichend Befriedigung sorgen!“
Mit einem mehrfachen Nicken und entschuldigendem Blick versuchte auch Johann die Aussage seines Neffen zu bezeugen.
“Darf ich dir etwas bringen? Geht natürlich auf’s Haus! Dek hat recht, beachte sie einfach nicht.“

“Ich versuch’s, in Kürze bin ich sowieso weg.“ Jess öffnete ihre Tasche um nachzusehen ob ihr Geldfund noch da war. Erleichtert, als die Münzen in der Seitentasche klimperten, bestellte sie eine Tasse Kaffee. 
“Die kann ich mir sogar noch leisten.“ Murmelte sie und mit etwas neuem Mut richtete sie sich an Onkel und Neffen: „Nehmt ihr beide an diesem Kuchenfest teil? Hört sich nach einem interessanten Nachmittag an!“ Johann überließ Dek das Wort in dem er sich zurückzog und der Bestellung nachging. 
“Klar, mein Onkel hilft bei der Verpflegung und hat eine kleine Station mit Sandwiches und Getränken aufgebaut, die wir heute Vormittag vorbereitet haben. Ich selbst werde ihm etwas helfen und wenn Zeit ist bei der Versteigerung mitmachen.“ Etwas verhalten flüsterte er weiter „Bei letzterem habe ich wohl keine Wahl. Nicht wenn es nach der Jurie geht!“ 
Jess nippte am Kaffee und versuchte ihre Gedanken von diesem Mann zu lenken, der ihr etwas zu gut gefiel. Poppy hätte wohl schon mindestens ihre Hand auf seinen Schenkel gelegt, oder sich gleich dazwischen gestellt. Auch er wäre ihr längst verfallen und würde ihr wahrscheinlich ohne zu zögern sämtliche Besitztümer überlassen um wengistens für kurze Zeit, oder für eine Nacht, seiner Begierde nachzugehen. Jess teilte sich mit ihrer Freundin oft den selben Geschmack an Männern, war allerdings deutlich weniger mutig als Poppy und überlies ihr deshalb freiwillig viele Bekanntschaften.
Sie selbst hatte erst vor etwa vier Monaten ihre letzte Beziehung beendet und seit dem auch kein echtes Interesse mehr an irgendjemanden gehabt. Als sie mit Constantin Schluss machte, hatte sie sich fest vorgenommen für eine Weile keine Verabredungen mehr einzugehen, oder sich in Techtelmechtel verwickeln zu lassen und war deshalb die vergangenen Wochen kaum weg gewesen. Trotzdem, wie die Hochzeit am Freitag bewies, war sie vor schlechten männlichen Bekanntschaften nicht befreit. Dieser Vorfall, so versuchte Jess sich einzureden, war ein weiteres Zeichen dafür, die Männerwelt ruhen zu lassen.
 Seit sie 17 war, hatte sie nun fast jährlich die eine oder andere, mehr oder weniger ernsthafte Beziehung geführt. Zuerst ganz vielversprechend begonnen, doch nach wenigen Monaten oder spätestens einem Jahr, verlor sie oft das Interesse an der Beziehung, vor allem am Mann selbst oder fühlte sich einfach nicht mehr wohl. Die Meinung ihrer Freundin, dass sie sich immer viel zu sehr verstellte und nicht mehr sie selbst war, trug wohl dazu bei, dass sie es früher oder später nicht mehr aushielt. Von Liebe sowieso weit und breit keine Spur. Spätestens wenn das Thema Zusammenziehen angeschnitten wurde, in der Regel nicht von ihr, zog sie den Schlussstrich. Und fast nahtlos verliebte sie sich in den Nächsten. Das Gefühl des Verliebtseins, wenn man es so nennen konnte, das sie treu am Anfang jeder Beziehung empfand, unterschied sich allerdings nur wenig von dem herrlichen Gefühl, die Lieblingsschuhe zu tragen, oder die Lieblingspizza vor sich auf dem Teller liegen zu haben. Mehr als das, gab es bis jetzt nicht. Deshalb war der Beschluss abstinent zu sein, kein großer Verlust und gleichzeitig wollte sie sich damit endlich beweisen, dass die Männer ihr Leben nicht beeinflussten oder sogar bestimmten. So entstand bereits vor Wochen der Ursprung zu dieser Reise.

“Was ist mit dir, willst du es dir nicht nochmal überlegen? In knapp zwei Stunden geht’s los und ich denke der ganze Ort rechnet mit dir!“ Dek holte sie aus ihren Gedanken.
“Nein danke, sollte ich Sisi mit dem Versprechen entkommen können, dass ich das Geld überweise, dann ist es für mich höchste Zeit aufzubrechen.“

“Ach, darüber mach dir mal keine Sorgen, Sisi ist zwar aufdringlich und meistens fühlt man sich in ihrer Gesellschaft deutlich bedrängt, doch eigentlich ist sie ein netter Mensch!“ Jess gab daraufhin einen zustimmenden Seufzer von sich, den die beiden Männer vergnügt zur Kenntnis nahmen. Sie trank ihre Tasse aus und griff nach den Münzen in ihrer Tasche, doch Johann machte ihr verständlich, dass er auch dieses Mal kein Geld von ihr nehmen werde. Erneut bedankte sie sich für die Gastfreundschaft und noch einmal verabschiedete sie sich von Johann. Auch Dek schenkte sie ein kurzes Lächeln, das verlegener ausfiel als gewollt.
Sie hatte noch etwas dringendes zu erledigen, ihre Kreditkarten mussten unbedingt gesperrt werden!

 

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