Meneater 3/6: Die Apfelkuchenaffäre

meneater_chapter3Gerne wäre sie noch länger geblieben. Die beiden waren nett, vielleicht sogar etwas mehr als nur nett und mittlerweile hatte sie selbst etwas Interesse an dem Kuchenfest. Doch nun musste sie Sisi erklären dass sie kein Geld mehr hatte und noch viel wichtiger war der Kreditkartenhotline Bescheid zu gaben und ihre Karten sperren zu lassen.

Jess wählte Poppys Nummer, damit die ihr die Nummer der Holtline geben konnte – ihre Freundin sollte die mittlerweile auswendig können, so oft verlor oder vergaß sie irgendwo ihre Geldtasche. Poppy meldete sich allerdings nicht, Jess versuchte es nochmals, doch auch da ging sie nicht an ihr Handy und Jess hinterließ ihr eine Nachricht. „Hi Poppy, was treibst du denn? Kannst du mir bitte die Nummer von der Kreditkarten-Sperrhotline geben, ich glaube ich habe meine Geldbörse verloren. Ansonsten geht’s mir gut. Ich komme heute noch nach Hause, hab ja kein Geld mehr – also dann, bis später!“ 
Vielleicht hatte Poppy gerade ein aufregendes Date, dachte sich Jess und gönnte es ihrer Freundin.

Zurück, in der Höhle des Löwen, überlegte sie nochmal ihr Zimmer abzusuchen. Als sie die Treppen hinauf ging, hörte sie Sisis Stimme im Nebenraum, die vermutlich gerade mit jemanden telefonierte. „Warum sollte ich es rausgenommen haben?“ Jess wollte nicht hinhören, doch dafür sprach Sisi einfach zu laut. „Wie kommst du nur auf diese Idee? Ich glaube du phantasierst schon, weil du so einsam bist – PAUSE – Ach was! –  PAUSE – Na und, was ist schon dabei wenn sie mitmacht? – PAUSE – Du übertreibst Johann!“
War das der Johann den sie auch kannte, überlegte Jess.
„Gut, ich verspreche es, obwohl ich nichts verbrochen habe – PAUSE – Gut –  PAUSE – Bis dann!“ Jess hörte wie der Hörer etwas unsanft aufgelegt wurde. „Warum muss er sich immer einmischen, hat er denn nicht genug zu tun?“ zischte Sisis noch etwas lauter durch die Wand. Jess, die zwar keine Ahnung hatte worum es in dem Gespräch tatsächlich ging, wollte nicht beim Lauschen erwischt werden und flüchtete nach oben. Doch während sie die nächsten zwei Stufen auf einmal nahm, verlor sie einen Schuh, stolperte in der Hast darüber und knickte mit dem linken Fuß hörbar laut um. Den Schmerz und den dazugehörenden Laut unterdrückt, humpelte sie die restlichen Stufen so rasch sie konnte hinauf. Oben angekommen, war der Schmerz auch fast schon wieder vorbei. Doch bevor sie die Zimmertür aufsperren konnte, stand ihre Gastgeberin unerwartet hinter ihr. „Kindchen, wo hast du solange gesteckt?“ Jess drehte sich mit einem unschuldigen Lächeln um und erfasste zugleich die Gelegenheit. „Ich habe nach meiner Geldbörse gesucht und war deshalb nochmals in der Bar von gestern. Aber sie war nicht dort.“ Kurz zögerte sie, doch sie hatte keine andere Wahl, als ihre Beichte vollständig abzulegen. „Ich habe leider kein Geld um das Zimmer zu bezahlen. Tud mir leid, das ist mir noch nie passiert!“, versuchte Jess sich zu verteidigen. „Aber ich verspreche, dass ich das Geld überweisen werde, sobald ich heute abend zu Hause bin!“
 Jess versuchte Sisis Mimik zu deuten, doch das war so gut wie unmöglich. Erst jetzt merkte sie die rosa Küchenschürze die um Sisis Arm hing.

„Was, du willst schon abreisen? Das ist doch nicht nötig! Komm runter und hilf mir beim backen!“ Sisi hielt ihr nun die pink getupfte Schürze hin. „Hier, nimm, damit du dir dein Kleid nicht schmutzig machst!“
„Aber ich muss nach Hause, ich habe kein Geld bei mir, außer den paar Euros in der Tasche …“
„Ach was!“, unterbrach Sisi „Du hilfst mir beim backen, dafür berechne ich dir nichts für das Zimmer!“
„Nein, das kann ich nicht machen!“ Jess konnte dieses seltsame Angebot nicht annehmen, auch wenn es ihr Problem rasch lösen würde.
Sisi winkte noch etwas intensiver mit der Schürze „Warum nicht? Hat es dir bei mir nicht gefallen?“
„Doch, doch!“ bemühte sich Jess ihr Wohlgefallen zu äußern. „Wenn es ginge, würde ich noch viel länger bleiben, aber wie gesagt ich habe meine Geldbörse verloren und ich kann das unmöglich annehmen, dass ich dir für das Zimmer – für das schöne Zimme – nichts bezahle. Schon gar nicht, da du auch andere Gäste hast, die das Zimmer vielleicht brauchen könnten!“
„Ach papperlapapp! Du hilfst mir nun beim Kuchen backen und es gibt sicher noch den ein oder anderen kleinen Gefallen den du mir machen kannst und damit sind wir dann quitt!“ Mit ihren Händen deutete sie ihr nun ungeduldig, die Schürze anzunehmen.
„Gut“ willigte Jess schließlich ein. „Ich werde dir helfen, aber bevor es Nacht wird, werde ich nach Hause fahren, denn ich möchten nicht wieder nachts durch diesen hügeligen Wald fahren!“
„Du wirst wohl noch eine Nacht bleiben müssen um mir bei allem Nötigen auszuhelfen!“, antwortete Sisi leise und deutete Jess ihr nun zu folgen. Über das Büro, im dem Sisi sämtliche Angelegenheiten der Pension erledigte, gelangten die beiden in ein weiteres Vorzimmer, das nach Sisis Privatwohnung aussah. Die erste Tür reichte in eine großzügige Küch wo bereits, Mixer, Rührschüsseln, Mehl und weiteres Backzubehör feinsäuberlich hergerichtet auf ihre Verwendung warteten. „Also gut, du bäckst nun einen Kuchen und ich muss einige Sachen erledigen, danach sage ich dir wie’s weiter geht.“ Schon wollte Sisi die Küche wieder verlassen, als Jess in Panik geriet. „Aber was soll ich denn machen? Ich dachte wir backen gemeinsam, ich kann das doch gar nicht so gut!“
„Was meinst du damit? Hast du noch nie einen Kuchen selbst gemacht?“
„Doch schon, aber nicht ohne Rezept und wie gesagt, ich weiß nicht welchen Kuchen du möchtest!“
„Das kannst du dir selber aussuchen, die wichtigesten Zutaten habe ich jedenfalls schon bereit gestellt und wenn du noch etwas brauchst sag mir einfach bescheid.“ Jess sah sie mit verzweifelten Blicken an. Sie hatte keine Ahnung was das Ganze sollte. Vielleicht sollte sie einfach abhauen. Das wäre womöglich das Beste. Sie konnte dann trotzdem die Rechnung zu Hause begleichen. Am Besten sie wartete noch etwas, bis Sisi außer Reichweite war und schlich sich dann rasch nach oben um ihr Gepäck zu holen.

Doch auch Sisi schien zu merken, dass ihr Plan nicht komplett durchdacht war und beschloss besser zu bleiben, um dem Mädchen etwas Unterstützung zu geben. 
“Also gut, dann wasch dir die Hände und hol dir aus dem Vorratsraum, ein paar Äpfel! Du bäckst Apfelkuchen! Der kommt immer gut an!“ Sisi deutete zur nächsten Tür und Jess musste ihre Flucht aufschieben. Wenige Minuten später folgte sie brav der Anweisung und schälte die Äpfel. Sisi lehnte sich dabei mit beiden Ellbogen auf die Arbeitsplatte auf und verfolgte jeden von Jess‘ Handgriffen um sie immer weider zu justieren. Ihr Schützling hatte wirklich wenig Ahnung vom Backen und brauchte unbedingt Aufsicht, denn der Kuchen sollte zumindest gut aussehen.

Nach einer knappen halben Stunde war es geschafft. Der Kuchen verströmte bereits einen köstlichen Duft aus dem Ofen. Jess war stolz auf sich und auch Sisi schien mit dem Ergebnis zufrieden. „Gut Jess.“ Zum ersten Mal nannte sie ihren richtigen Namen. „Du bewachst nun den Kuchen noch für eine halbe Stunde und dann müssen wir uns für das Fest fertig machen. Du kannst den Spiegel in meinem Badezimmer benutzen um dich etwas zurecht zu machen. Du hast da etwas Mehl in den Haaren“ Sisi deutete an eine Stelle an ihrem Kopf und zeigte ihr wo das Badezimmer zu finden war. „Aber ich kann doch in mein eigenes Zimmer …“ Jess wollte sich nach Sisi umdrehen, doch sie war schon durch die Tür verschwunden. Einfach seltsam diese Frau, dachte Jess zum erneuten Male, als im selben Moment ihr Handy klingelte. Schnell rubbelte sie die verbliebenen Teigreiste von ihren Händen und griff nach dem Telefon. Es war nur eine SMS von Poppy. „Hi Süße, hier ist die Nummer. Tud mir leid wegen deiner Geldbörse, ich melde mich später bei dir.“ stand da knapp geschrieben. Danach folgte eine weitere SMS mit der Hotlinenummer. Jess wunderte sich über die kurze Nachricht von Poppy, wählte aber sofort die Hotline Nummer. Wer weiß in welchen findigen Händen ihre Geldtasche bereits geraten war, galt es nicht länger zu warten.
Nachdem sie sich in die richtige Abteilung der Hotline wählte ließ sie ihre Karten, zur Sicherheit unwiderruflich, sperren. Es war unwahrscheinlich dass sie sie wiederfand. Außerdem kannte sie die Gebühr die hinter dem temporären Sperrservice stand. Günstiger war es, sich neue Karten ausstellen zu lassen, was in der Regel nur 48 Stunden dauerte. Es war eines der wenigen Male dass ihr die Brachenerfahrung die sie aus ihrer Arbeit in der Bank hatte, zugute kam. Als das erledigt war, fühlte sie sich deutlich besser. Außerdem waren ihre Kreditkarten, seit ihrer eigenen Shopping-Tour nicht in Gebrauch gewesen, das war einmal eine gute Nachricht. Im Badezimmer von Sisi, schüttelte sie ihre Haare etwas aus und bürstete sie glatt. Mit ihren Fingern wischte sie weitere Spuren von Mehl und Zucker aus dem Gesicht und betrachtete sich ausgiebig im Spiegel. Ihre Make-Up gehörte etwas aufgefrischt und Jess fischte die entsprechenden Utensilien aus ihrer Tasche. Auch ein kleines Parfumfläschen kramte sie hervor und besprühte sich damit von oben bis unten. Nur der Kuchen soll nach Kuchen riechen und sprühte zur Sicherheit noch ein weiteres Mal etwas Parfum in ihr Haar.
 Nun würde sie also doch auf das Kuchenfest gehen, warum auch nicht. Wenn sie damit Sisi einen Gefallen tat und gleichzeitig ihr schlechtes Gewissen wegen der offenen Rechnung erleichtern konnte, war es ein guter Kompromiss. Die Apfelkuchenaffäre war dennoch seltsam. Jess blickte auf die Uhranzeige an dem Badezimmerradio, das über der Badewanne befestigt war. Das weiß geflieste Badezimmer machte einen ebenso sauberen Eindruck wie der Rest des Hauses und wirkte auf sie modern und war auch farblich durchaus gut abgestimmt, der rosafarbene Vorleger und die Badetücher bewiesen abermals, wer hier das Sagen hatte. Die Uhr zeigte 13:40 an. Der Kuchen benötigte also noch ungefähr zehn Minuten. Jess legte ihre Schürze ab und zupfte ihr Kleid wieder zu recht, dass zum Glück noch sauber war.

Zurück in der Küche, stellte sie fest, dass der leckere Geruch ihren Appetit ordentlich angeregt hatte. Das Frühstück war zwar üppig gewesen, lag aber auch schon einige Stunden zurück. Einige Apfelstücke waren übrig geblieben, Jess griff danach, die mussten vorerst reichen. Die restliche Wartezeit verbrachte sie damit, in dem sie das schmutzige Geschirr abwusch und einige Sachen wegräumte, von denen sie glaubte zu wissen, wo sie hingehörten. Wenig später stand auch Sisi wieder in der Küche. Auch sie hatte sich nun zurecht gemacht und trug eine rote kurze Bluse zu einer weißen Hose, dazu hielt sie einen leicht rosefarbenen Hut mit eingearbeiteter Rosendekoration in der Hand. „Das riecht ja schon vorzüglich! Meine Gäste haben schon danach gefragt. Ich habe ihnen natürlich klar gemacht, dass das ein besonderer Kuchen ist, den man ersteigern muss!“ Ohne Jess Zeit für eine Reaktion einzuräumen, fuhr sie weiter in ihrem persönlichen Programm. „Lass dich nochmal ansehen Mädchen, dreh dich im Kreis, damit ich sehen kann ob alles passt.“ Jess deren Unwohlsein wieder deutlich angestiegen war, folgte den Anweisungen wie in Trance. „Wirklich sehr schönes Kleid! Hätte ich selber nicht schöner aussuchen können!“

„Ich denke es ist Zeit den Kuchen herauszunehmen“ krächzte Jess leise, noch immer damit beschäftigt die neuen Informationsbrocken aneinanderzureihen. Einzig und allein ihre Naivität hinderten sie daran einzusehen, dass sie nicht nur Besucher eines Festes, sondern zugleich auch Showact war. „Richtig, gib ihn raus und lass ihn noch zehn Minuten ruhen. Im Schrank neben dem Kühlschrank findest du eine geeignete Kuchenplatte und hier in der untersten Lade sollten auch Tortenspitzen zu finden sein. Such dir was schönes aus. Ich bin gleich wieder bei dir und dann brechen wir auf!“ Auch in Sisi machte sich die Nervosität nun etwas breit. Nicht dass Jess es bemerkte, denn ihre Gedanken versuchten soeben mit Gewalt das Positive aus dem Ganzen zu filtern, eine Fähigkeit die sie sich ihr ganzes Leben lang gut antrainiert hatte. Nein zu sagen, kam einfach nicht in Frage, dafür war sie Sisi viel zu viel schuldig. Das Fest schien ihr besonders wichtig zu sein, deshalb versuchte Jess wieder einmal über ihren Schatten zu springen und wählte das violette Papierdeckchen für ihren Apfelkuchen aus.

„Na dann wollen wir dich mal verkaufen!“, schallte Sisi fröhlich.

 

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