MenEater 4/1: Sonne, Sekt und Sorgen

meneater_ch4Die Sonne zeigte sich an diesem Tag in ihrer angenehmsten Form und sorgte bei Jess nun für gute Stimmung. Vorerst. Mit dem Kuchen stolz und fest in den Händen, schritt sie achtsam immer einen Schritt hinter Sisi her. Sisi hastete wohl zum Teil aus Aufregung und zum Teil aus Vorfreude über ihre eigene vielversprechende Fracht in windigen Schritten voraus und dass mit nur halb so langen Beinen. Es war bereits 14:00 Uhr, das Fest hatte gerade begonnen. Die zahlreichen Menschengrüppchen, Pärchen, Familien und Kinder denen sie auf der Straße begegneten, bewegten sich ebenfalls in Richtung des Platzes, doch kaum jemand, und das beunruhigte Jess etwas, trug einen Kuchen oder sonst etwas Essbares bei sich.
 Jess ärgerte sich, dass sie die Anzeige in der Zeitung nicht sorgfältiger gelesen hatte.
„Wie geht’s nun weiter mit dem Kuchen?“ fragte sie ihre Begleiterin. Vielleicht aber, konnte sie ihr restliches Geld zusammenkratzen und den Kuchen einfach selber kaufen. Allerdings brauchte sie noch Spritgeld für die Heimfahrt heute Nachmittag, oder Morgen? „Irgendwie würde ich gerne etwas von meinem allerersten Apfelkuchen probieren, ich glaube einen Teil von meinem restlichen Geld werde ich in ein Stück investieren!“, kicherte Jess voller Vorfreude auf den saftigen Kuchen. Sisi blieb abrupt stehen und starrte sie an. Wie vom Blitz getroffen zuckte ihr Kopf einige Male nach links und rechts, so als wär ihr noch etwas Wichtiges eingefallen. Einen Moment später erweichte ihr Blick wieder, Jess Hand tätschelnd, die die Kuchenglocke fest im Griff hielt, zeichnete sich nun sogar ein verschmitztes Lächeln um ihre säuberlich geschminkten, leicht nach außen gepressten Lippen ab. „Keine Angst mein Kind, du musst für deinen eigenen Kuchen nicht bezahlen, zumindest nicht in Geld“, Sisis Mundwinkeln zuckten nun noch stärker, „Ich erklär dir erst einmal die Regeln,“ seufzte sie, unmöglich ihre Vorfreude zu verbergen, „Es gibt zwölf Kuchen die heute versteigert werden und zu jedem Kuchen gehört eine Frau, oder besser gesagt ein Mädchen. Zumindest muss sie unverheiratet sein. Und eines dieser Mädchen wirst natürlich du sein, es gab im letzten Moment zwei Absagen, ich kann dir gar nicht sagen welchen Stress wir deswegen … !“
Jess erstarrte, während Sisi weiter plapperte,“…ok, das stimmt nun nicht ganz, es gab auch mal einen Mann in der Runde, damals ist auch dieser Zusatz in den Veranstaltungsstatuten entstanden, aber trotzdem …“, doch in diesem Moment verdunkelte sich Jess‘ Gemüt und ein unvorhergesehener Sturm brach in ihr auf. „Was?“ schrie sie wütend und war kurz davor, den Kuchen zu Boden zu werfen damit sie mit den freien diese kleine dreiste Person würgen konnte. „Wie kommst du auf die Idee mich da reinzuziehen? Ich will nicht versteigert werden! Wie komme ich dazu? Völlig aufgelöst und plötzlich außer Atem, blickt sie hilflos um sich. Einige wurden durch ihr Geschreih etwas aufmerksam und blickten nun zu den beiden Frauen hinüber, die ein auffälliges Bild ergaben. Jess in ihrem orangenen Kleid, und den violetten Pumps, reichte fast zwei Köpfe über Sisi, deren Hut sie optisch noch etwas kleiner drückte. Doch durch die rote Bluse war abre auch sie nicht zu übersehen. „Reg dich bitte nicht so auf, Schätzchen! Du bist ganz rot im Gesicht ich weiß nicht ob du so … „, doch Jess hörte nicht zu. „Bitte nenn mich nicht Schätzchen! Ich heiße JESS und ich bin nicht an dieser Versteigerung interessiert. Ich will mich nicht zum Kauf anbieten das ist doch peinlich!“ Jess hatte absolut kein Verständnis für die gesammte Sache. Wo war sie da bloß hineingeraten. Ein derartiger Fleischbeschau war das Letzte woran sie teilnehmen wollte, vor allem jetzt wo sie sich absolute Abstinenz geschworen hatte. OMG, was würden die Leute von ihr denken? Dass sie hier auf Männerfang war?
„Beruhige dich“, versuchte Sisi vorsichtig mit leiser Stimme auf ihren Schützling einzureden. „Ich dachte dass du mir Helfen willst, weil du deine Rechnung nicht bezahlen kannst, ich hatte gehofft das würde dir auch Spaß machen!“ Jess beschloss sich erst einmal hinzusetzen um besser nachdenken zu können. Da keine Sitzgelegeneheit zu sehen war, musste der Randstein vorerst reichen. Der Kuchen nahm auf ihrem Schoß Platz. „Ja, aber …“ stotterte Jess einen Augenblick später weiter. Das miese Gewissen, wegen der offenen Rechnung kam nun natürlich wieder durch. Sisi schien das zu merken und gewann wieder deutlich an Fahrtwind zurück, „Ich dachte es ist eine gute Lösung … für uns beide.“ Sisi wusste ganz genau wo Jess wunder Punkt lag, setzte sich zu ihr auf den Gehsteig und tätschelte nun aufmunternd ihre Schultern.
“Das wird mit Sicherheit lustig! Du wirst schon sehen und wer weiß, vielleicht machst du auch eine gute Partie!“

“Aber ich kenne hier doch niemanden, ich werde mich total blamieren!“ schluchzend senkte sie ihren Kopf und murmelte „Ich wollte doch nur meine Ruhe haben! Wär ich doch gleich nach Hause gefahren!“, gab sie noch von sich und kämpfte mit den Tränen, als ihr erneut die Erlebnisse der vergangenen Tage durch den Kopf gingen.
“Ach Kleine, jetzt nimm das nicht so dramatisch! Keiner will dich hier verkaufen. Die Versteigerung dient einem guten Zweck und alles läuft relativ gesittet ab! Das Schwimmteam soll damit neue Trikots erhalten – das ist doch eine gute Sache.“ Sisi reichte ihr ein Taschentuch, um die wenigen Tränen abzutupfen. Die Versteigerung beginnt erst um drei Uhr und dauert in der Regel etwa zwei Stunden. Um sieben findet dann das Abendessen statt und dann hast du’s schon hinter dir. Bis auf das zweite Date, aber das muss ja nicht gleich morgen sein …!“
„Hallo Sisi, kann ich euch helfen? Ist alles in Ordnung?“ Eine Frau, vielleicht etwas jünger als Sisi kam zu ihnen und bückte sich besorgt zu Jess hinunter. Mit ruhigem, aber besorgtem Ton sprach sie zu Jess: „Fühlst du dich nicht wohl, soll ich dir ein Glas Wasser bringen?“ Jess sah auf und freundliche, warme Augen blickten ihr entgegen. „Danke, es geht schon. Ich habe nur soeben erfahren, dass ich als eines der Objekte der Auktion dienen soll…“ Die Frau lächelte Jess verständnisvoll an und blickte dann wütend zu Sisi, die sich allerdings keine Schuld anmerken ließ. „Ich denke nicht, dass du das machen musst, wenn du nicht willst!“ Während sie sprach, fixierte sie Sisi weiterhin mit ihre Blick. Niedergeschlagen erhob Jess sich wieder von der Straße und und drückte Sisi die Kuchenplatte in die Hand. Sisi, die das sofort als schlechtes Zeichen interpretierte schnappte nach Luft, während Jess ihr Kleid glatt streifte. „Nein, schon in Ordnung“, sagte sie zu der netten Dame gerichtet. „Ich bin es Sisi einfach schuldig!“
Annabell griff nach einer der Stirnfransen die Jess ins Gesicht hingen und strich sie zur Seite. „Wie du meinst, das Wichtigste ist trotzdem, dass du auch Spaß hast!“

“Das wird schwierig, aber ich werde es versuchen!“, antwortete Jess und versuchte sich selbst zu bestärken. Auch Sisi erhob sich nun wieder von der Straße und musste sich etwas strecken um von den beiden deutlich größeren Frauen nicht länger ignoriert zu werden. „Ich bin sicher, dass du Spaß haben wirst! Und mir brauchst du hierbei keinen Gefallen zu tun, denn um mich geht es nicht!“ Doch das klang für niemanden der beiden glaubwürdig.
“Ich bin übrigens Annabell – Annabell Aron!“ Mit einem besonders warmherzigen Lächeln stellte sie sich Jess vor. „Ich bin Jess, aber das wissen Sie vermutlich bereits!“
Mit einem Nicken bestätigte ihre neue Freundin dir Richtigkeit der Annahme.
 „Annabell ist die gute Seele hier, sie kümmert sich um einiges in der Stadt und ist neben einer guten Finanz- und Steuerberaterin auch eine ausgezeichnete Ehe- und Bezieungsberaterin.“ Damit versuchte Sisi Annabells Anerkennung wieder zurück zu erlangen, doch so ganz wollte es nicht gelingen. „Heute sitzt sie übrigens mit mir in der Jurie“, sprach sie stolz weiter, doch Annabell würdigte sie keines Blickes und sprach zu Jess; „Ich bin nicht nur für Pärchen da, auch für dich, wenn du magst.“ Ihre angenehme Stimme unterschied sich deutlich vom leicht gereizten Klang in Sisis Stimme.
Jess nahm ihren Kuchen wieder an sich und gab ihren Begleiterinnen mit einem Nicken Bescheid, dass sie nun bereit war. Komme was wolle, hauptsache der Nachmittag verlief schnell und sie konnte diesen Ort bald wieder hinter sich lassen. Zu dritt gingen sie die wenigen Meter bis zum Veranstaltungsplatz während Sisi weiterhin versuchte Annabells Sympathie zurückzugewinnen, indem sie ihr von Jess erfolgreichen Backergebnis berichtete und schwor selbst noch nie einen so goldenen Apfelkuchen gebacken zu haben. Sie war außerdem davon überzeugt, dass Jess wohl die Schönste und deshalb wertvollste Teilnehmerin in diesem Jahr war. Vorausgesetzt dass Jess trister Blick noch etwas umschlug. Jess hübsches Kleid unterstrich ihren natürlichen Typ, der ihrer Meinung gerade schwer angesagt war, zumindest hier in Seefunken. „So eine hübsche Teilnehmerin hat es schon seit einigen Jahren nicht mehr gegeben,“ frohlockte sie weiter. „Nicht mehr, seit Robyn!“, fügte sie noch hinzu. Robyn war Annabells Tochter, deren Walnusskuchen damals die Summe von 140 € eingebracht hatte und seit dem die Rekordsumme hielt.
Jess hörte kaum zu, ihre Gedanken schwirrten um die bevorstehenden Versteigerung und sie hoffte auf ein paar Stunden Zeitreise in die Zukunft. Wieder wünschte sie sich, etwas mehr wie Poppy zu sein, die ohne zu zögern teilnehmen und sich bestimmt nicht so zickig verhalten würde. Im Gegenteil, sie würde schon vor der Auktion den potentiellen Bietern einen kleinen Vorgeschmack geben. Die Einnahmen würden außerdem nicht nur für Badeanzüge, sondern für eine neue Schwimmhalle reichen. Für die nächsten Stunden brauchte sie unbedingt mehr von Poppys Courage, vielleicht mit der Unterstützung von ein, zwei oder mehreren Cocktails.
Die Musik war bereits von Weitem gut zu hören und nun erkannte sie die Blaskapelle auf einer der beiden mit Krepppappier und Blumen geschmückten Bühnen. Die vielen jungen Musiker und Musikerinnen, vermutlich Schülerinnen des Gymnasiums, standen oder saßen in drei Reihen aufgeteilt und Jess erkannte nun auch das aktuelle Lied. „Sweet Child of Mine“ blies, flötete und trommelte die gut 20-köpfige Kapelle in bester Stimmung. Auch die vielen Gäste waren in ausgelassener Laune und tummelten sich auf der mit weißen Zäunen abgesperrten Straße. Viele von ihnen standen vor der Bühne oder einige Meter daneben, auf der Insel unter der Laube. Sisi hatte recht behalten, die Rosenknospen, die sich wild um die Balken schlängelten waren bereits aufgesprungen und manche davon zeigten bereits ihre üppigen Blüten. Jess wollte hinübergehen um sich auf die noch freie Bank zu setzen, als Sisi sie daran erinnerte ihren Kuchen abzugeben. Auf der zweiten Bühne waren drei lange Tische aufgestellt, auf denen schon die zum Teil sehr überladenen Kuchen und Torten abgestellt worden waren. Jess Kuchen war der Letzte und sie stellte ihn vor dem Schild mit der Nummer 12.
 „So meine Liebe, da drüben erhältst du außerdem deine Teilnehmernummer, die du sichtbar an deinem Kleid anbringen solltest“, Sisi verwies sie an den Tisch neben der zweiten Bühne, hinter dem Sisis Freundinnen von Gestern abend saßen. Die beiden, mit identischer Mireille Mathieu-Frisur, schienen sie schon zu erwarten und begrüßten sie mehr ungeduldig als freundlich. „Schön, dass du endlich da bist Jessica! Bitte trag hier noch deine Telefonnummer neben deinem Namen ein“, gab eine der beiden von sich und zeigte auf die Teilnehmerliste. Jess interessierte viel mehr der Tisch neben den beiden, auf dem einige Sektgläser warteten. „Daran kannst du dich gleich bedienen, aber zuerst trag dich hier bitte ein“, gab die grantigere der beiden von sich, als sie Jess durstigen Blick entlarvte. Jess wollte protestieren, leistete ihrem Protestbedarf allerdings auf andere Art abhilfe und trug ihre alte Handynummer neben ihrem vollständig ausgeschriebenen Namen ein. Wenn sie schon die Quellen hatten, ihren Namen herauszufinden, dann sollte die Telefonnummer eigentlich auch kein Problem sein, dachte sie sich. „Sehr fein, hier hast du deine Plakette!“ Die Andere der beiden reichte ihr einen rosa farbenen Button mit ihrer Teilnehmernummer darauf, sowie einige Gutscheine. „Damit erhältst du an den Ständen da drüben freie Speisen und Getränke!“ Jess wandte sich in die gezeigte Richtung und erkannte die Verkaufsstände auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sich allerdings bereits lange Warteschlangen ansammelten. „Du brauchst dich übrigens nicht anzustellen, unsere Mädels haben vorrang!“ Jess fand etwas gefallen an dem Fest, zumindest was die Verpflegung betraf und ließ endlich wieder ein kleines Lächeln zu. „Immerhin zählst du zu unseren wichtigsten Teilnehmerinnen und du sollst dir nicht die Füße in den Bauch stehen“, sprach Mireille 2 und drückte Jess noch ein paar extra Getränkebons in die Hand. Nun durfte Jess auch an den versprochenen Sprudel heran, wovon sie das erste Glas in wenigen Schlucken leerte. Die beiden Mireilles blickten einander mit jeweils erhobener Augenbraue an, doch Jess lies sich nicht davon abhalten und griff nach Glas zwei und drei, die sie nicht weniger zügig austrank.“Ich wünsch dir viel Spaß!“, rief ihr Mireille 2 zu, als Jess bereits durch die Menge auf die andere Straßenseite verschwand. Auch Sisi und Annabell nahmen nun an dem Tisch neben den beiden Mireilles Platz, nachdem sie zuvor noch einige Sonnenschirme auf die Bühne brachten, um damit die Objekte besser vor der Hitze zu schützen. „Es gibt bereits 230 eingetragene Bieter!“ entnahm Sisi etwas erstaunt einer weiteren Liste und blätterte die diese auf- und ab um die eingetragenen Namen zu kontrollieren.

  1 comment for “MenEater 4/1: Sonne, Sekt und Sorgen

  1. 9. Oktober 2014 at 21:06

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